Pulp Fiction machte Quentin Tarantino zum Starregisseur, und er blieb es (trotz Vorgänger
"Reservoir Dogs
" und Nachfolger
"Jackie Brown
") bisher hauptsächlich wegen dieses Streifens. Die Hälfte aller Gangsterkomödien (und solche die es sein wollten) der Neunziger Jahre wäre ohne diesen Film wahrscheinlich nicht entstanden, und doch konnte keine von ihnen dem Vorbild das Wasser reichen. Grotesk offensiv und anstößig, komplex und abwechslungsreich war Pulp Fiction 1994 „ein Geniestreich, eine Adrenalinspritze ins Herz des Unterhaltungskinos und mehr als das.“ Leider sahen viel zu viele Filmemacher hinter Pulp Fiction nur den provokativ-komischen Gangsterstreifen mit unterbrochener Timeline. Einzig
Guy Ritchie 
(
Bube, Dame, König, Gras,
"Snatch
") schaffte es gekonnt, die Welle zu reiten, indem er seinen Filmen, ebenso wie Tarantino einen besonderen, individuellen Touch verlieh.
„Pulp Fiction“ im Wortsinn ist eine Anspielung auf die klischeebepackten Groschenromane der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Auch das Filmplakat macht dies deutlich, gibt es doch eine mögliche Vorderseite eines solchen Heftes wieder. Tarantino jedoch sitzt den so schon implizit herbeizitierten Klischees nicht auf, er benutzt sie, er spielt mit ihnen. Alles was man heute als immer wieder auftauchende Motive für provokante und exzessive Filme dieser Art bemängelt, kann man Tarantino nicht vorwerfen, denn er hat diese entweder selbst geschaffen und vorzüglich parodiert, indem er respektlos die Grenze zwischen dem niederen Entertainment und der hoher Kunst ignoriert, der
billigen Fiktion tiefere Wahrheiten unterjubelt und damit dem kulturell wertvollen Film die Profanität der Popkultur nahe bringt. Weiterhin könnte man unterstellen, Pulp Fiction sei ein brutaler, pessimistischer Film, der durch ungeschminkte Gewalt den Werteverfall der amerikanischen Gesellschaft anprangert, aber nach welchen Maßstäben? In nackten Zahlen gibt es genau 9 Tote von denen man über zwei nur etwas hört. Alles in Allem also „nur“ 7 Tote. Dagegen gestellt die Zahl der Personen, die errettet bzw. eben nicht getötet werden, wirft es mit einem Mal ein ganz anderes Licht auf den Film. Tarantino ein Optimist mit Hoffnung, der an Güte und Vorsehung glaubt? (Jules’ Wandlung ist eines der wichtigen Elemente des Films!) Völlig egal, denn alles gehört mit zu eben diesem Spiel mit den Klischees. Einen echten weltverbesserischen Gedanken sollte man Tarantino nicht unterstellen. Dieser naiven Option nimmt sich Pulp Fiction auch gar nicht an. Deutlich wird dies durch den Fall in den Folterkeller, der dem Film schlagartig alle Gangsterromantik entreißt. Hier herrschen nur noch perverse Willkür und Sadismus, die ein direktes Aufeinandertreffen von Gut und Böse auf Kriminiveau hinfällig werden lassen. Dieser Keller zeigt die tiefsten Abgründe einer Gesellschaft der ihre moralischen Bezüge schon längst abgehen. Die hier Agierenden (darunter übrigens der einzige Polizist im Film) lassen Jules und Vincent erschreckend harmlos erscheinen und entzaubern sie dadurch schlagartig.
Ein weiteres Spiel mit den Gepflogenheiten des Genres ist der Koffer, dessen Existenz der rote Faden der Geschichte ist. Jeder sitzt dem Glauben auf, hierbei würde es sich um Geld oder Diamanten handeln. Allenfalls Drogen könnten es noch sein, so weit sind wir in unserem Verstehen von den Klischees umnebelt. Doch der Koffer repräsentiert etwas ganz anderes. Er ist ein Symbol. Der Zahlencode zum Öffnen ist 666, die biblische Zahl des Teufels. Egal was im Koffer ist, es repräsentiert den Teufel reduziert auf Habgier und jeder der sich um den Koffer bemüht, macht sich zu dessen Handlanger.
Es sind wohl zwei Faktoren, die ursächlich für den Erfolg von Pulp Fiction sind. Zum einen die bereits erwähnte, unerhört freche aber gekonnte Missachtung bzw. Auslegung aller Regeln des Films in Hollywood und zum anderen natürlich die großartigen schauspielerischen Leistungen aller Akteure, die bis in die letzte Nebenrolle hochkarätig besetzt sind.
Allen voran
John Travolta 
, als eitler möchtegern-Edeljunkie ohne Skrupel aber mit einer durch Fernsehen und Drogenkonsum auf ein infantiles Niveau zurückgesetzten sozialen (In)Kompetenz ausgestattet. Er würde wohl jeden Tag blind in sein Verderben laufen, wenn ihm der Zufall nicht immer und immer wieder zur Seite stehen würde. Dann
Samuel L. Jackson 
, der eiskalte Killer, der durch seinen Glauben aber wieder auf den rechten Pfad gezerrt wird. Bei ihm sind es nicht die Zufälle sondern göttliche Fügungen, die sein Leben erhalten. Beide erleben durch die verfehlten Schüsse auf sie eine Peripetie, die ihr Leben grundlegend verändern sollte. Beide machen, geleitet durch den allmächtig anmutenden „Wolf“ eine Reinigung durch, bei Vincent eine rein äußerliche, bei Jules zusätzlich eine geistige, eine kathartische, die ihn schließlich auf einen anderen Weg führt. Vincent, aufgrund seines fehlenden Verständnisses, sieht darin lediglich einen glücklichen Zufall, später wird er dies bereuen. Beiden aber nimmt man ihre Rollen nicht nur ab, nein man identifiziert sie mit ihnen. Bei
"Face/off
" war Sean Archer (bzw. Castor Troy) auch ein ganzes Stück Vincent Vega und selbst bei
Michael dachte Mancher noch: „na … wann zieht er die Knarre?“
Die einzige Person mit so etwas wie echtem Ehrgefühl und einem Ansatz von moralischen Werten ist Butch. Bruce Willis spielt das, was er am besten kann (John McClane, Joe Hallenbeck, Korben Dallas, Jimmy Tudeski und halt Butch Coolidge, alles Typen vom selben Schlag). Der entstammt aus einer patriarchischen Tradition, die ihn zwingt, die Armbanduhr, die schon sein Vater in seinem Arsch vorm Vietcong versteckt hat, zu „retten“. Aber so kann er, den eigenen Familienbräuchen verhaftet, perfekt die Rolle des amerikanischen „goog guy“ übernehmen, für den Traditionsbewusstsein als Alternative zu uneingeschränktem Patriotismus eine zwingende Voraussetzung ist, die kein anderer Charakter hier erfüllt. Zynischerweise ist diese Tradition „voll für’n Arsch“.
Es bleibt also festzuhalten, dass Pulp Fiction schrill, schockierend und spaßig in einem ist und es steckt doch noch soviel mehr dahinter. Pointen wie sie nur ein wirklich Filmverrückter in einem Film verstecken kann. Die Kombination aus witzigen Dialogen, routinierten und gewagten Kameras und die Anlehnung an viele Genres und Klassiker zeugen von den Allroundtalenten eines Quentin Tarantino, und heben ihn auf eine Stufe mit den anderen Großen. Mehr davon!
Fazit: Der Kultfilm