Es gibt Filme, die nicht nur stellvertretend für das jeweilige Genre stehen, sondern darüber hinaus auch einen riesigen Rattenschwanz an Innovationen hinter sich her ziehen, von denen die gesamte Medienindustrie heute noch zehrt. Diese Filme bewegen sich üblicherweise innerhalb ihres eigenen „Universums“, wie zum Beispiel das
Star Trek Universum, das
Star Wars Universum und jetzt eben auch das
Matrix Universum. Das geht aber nur, wenn die Story eigenständig ist und eine glaubhafte Welt präsentiert wird. Dies ist
Matrix eindeutig gelungen, aber was macht diesen Film so besonders?
Um die Matrix zu verstehen, muss man sie erleben, heißt es in einer Szene im Film, und genau das gilt insgesamt auch für den Film. Den Film kann man nicht wirklich mit Worten beschreiben, man muss ihn gesehen haben.
Die Wachowski Brüder, selbst leidenschaftliche Filmfans, schufen mit Matrix eine Welt, die gleichermaßen phantastisch wie glaubwürdig erscheint. Durch zahlreiche Vorbilder geprägt, spielen sie im Stile von „Neuromancer“ oder „Bladerunner“ mit einer postapokalyptischen Menschheitsgeschichte, die sowohl beängstigende als auch hoffnungsvolle Perspektiven für unsere „Arterhaltung“ bieten kann.
Viele philosophische Ansätze geben einen tiefen Einblick in die seelischen Abgründe und Unsicherheiten der menschlichen Existenz: Was, wenn unser Leben nur ein Traum oder gar der Traum eines anderen wäre? Woher wollen wir dann wissen, ob wir träumen oder wach sind? Was ist Realität und Fiktion und wie erkennen wir den Unterschied zwischen
Sein und
Schein? Eine Frage, die auch im kulturpessimistischen Diskurs der Postmoderne thematisiert wird und so alt ist, wie die Menschheit selbst. Schon Plato beschäftigte diese Frage in seinem
Höhlengleichnis und wer sich dieses Werk mal zu Gemüte führt, wird zahlreiche Parallelen zu Matrix erkennen können.
Zum Thema Virtualität und Simulation möchte ich an dieser Stelle auf einen Beitrag im Magazin verweisen, der sich damit eingehender beschäftigt und eventuell einige Fragen klären kann (vielleicht auch andere aufwirft). Zu finden ist er hier:
Hollywood VR 
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Neben den philosophischen Ansätzen sind auch stark religiöse Momente in Matrix vertreten, die sich in erster Linie am Buddhismus orientieren. Wenn wir uns fragen: "Was ist die Matrix?", liegt die Wahrheit immer schon offen vor uns, es kommt nur darauf an, sie als solche zu erkennen und wahr zu nehmen. Eine der Kernthesen des Zen-Buddhismus, die die zentrale Bedeutung der Annäherung an Erkenntnis und Erleuchtung auf dem Weg der Erfahrung, das absolute Tun im Hier und Jetzt betont.
Sich nicht nur auf den Buddhismus beschränkend, treten die Wachowski Brüder in einen Dialog mit anderen Weltreligionen und Mythen. Das fängt bei der Namensgebung der Protagonisten an (
Neo heißt griechisch Neu oder ist ein Anagram für
One, der Eine, der Auserwählte;
Thomas Anderson verweist auf den biblischen
zweifelnden Thomas und
Anderson steht im skandinavischen für
Menschensohn;
Morpheus ist in der griechischen Mythologie der
Traumgott;
Trinity leitet sich aus dem lateinischen „Trinität“ ab und bedeutet
Dreifaltigkeit) und geht über zahlreiche Anspielungen der Lokalitäten (
Zion ist die biblische
Stadt der Menschen;
Nebuchadnezzar war der Name eines
babylonischen Königs, der im Schlaf (Morpheus) von Gott den Auftrag bekam, einen falschen Propheten zu vernichten), bis zu den Prophezeiungen des Orakels, die sowohl in der griechischen Mythologie als auch im Christentum vorkommen.
Zentral steht aber bei beiden Disziplinen (Philosophie und Religion) die Frage: Was ist der Mensch?
Sind Mensch und Tier nur aufrecht kriechende Maschinen und haben wir unser Schicksal selbst in der Hand oder sind wir nur Marionetten in einem perfiden Spiel der Götter? Der Philosoph
Descartes meinte noch, dass
wir es sind, ´die da denken´. Doch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ist das alles nicht mehr sicher, der Mensch handelt nämlich unbewusst und er nimmt seine Umwelt mehr und mehr unbewusster wahr. Eine Eigenschaft, die Maschinen abgeht. Ihre Wahrnehmung ist rational und nicht getrübt von Gefühlen oder Moralvorstellungen. Der Sinn trügt nicht, das Urteil trügt!
Wann also gilt eine Intelligenz als „künstlich“ und wo fängt sie an, eigenständig zu werden? Das deutlich überzeichnete Bild künstlicher Intelligenz in Matrix zeigt uns eine mögliche Weiterentwicklung, die uns Angst macht. Sind
wir wirklich die Krone der Schöpfung?
Wäre Matrix aber
nur eine Philosophiestunde mit religiösen Inhalten, bräuchten wir den Film nicht zu sehen, sondern könnten uns durch zahlreiche Bücher wälzen. Zum Glück gibt es aber noch das Medium Film, dass uns diese Arbeit abnehmen kann und uns ganz nebenbei noch jede Menge Unterhaltung beschert.
Auf Matrix bezogen heißt das: Spezialeffekte und Action Elemente, die ohne jeden Zweifel wegweisend waren und immer noch sind. Da ist zum Beispiel die innovative BulletCam, die bislang oft in Filmen und Computerspielen (als BulletTime) kopiert wurde, aber die Originalität der Vorlage nie erreichen konnten. Gepaart mit Kung-Fu Szenen, in denen die asiatische Seiltechnik Verwendung findet und den Hochgeschwindigkeits- und Zeitlupenaufnahmen entstehen so Bilder, wie es sie bis dato nicht gab. Die eigentliche Geschichte gerät dabei niemals in den Hintergrund, sondern fügt sich nahtlos in die Action-Szenen ein und hält uns mit geschickten Tempiwechseln wie ein Orkan gefangen.
Einer der wenigen Filme, wo die Story genau soviel hergibt, wie die Effekte. Man kann ihn sogar noch genießen, wenn man sich auf eine der beiden Ebenen beschränkt. Der perfekte Genuss entsteht aber erst, wenn man sich ohne Kompromisse in die Welt der Wachowskis begibt und sich tief im verworrenen Universum der Matrix verliert.
Selbst Skeptiker, die das nicht können und mit Science Fiction Filmen das grundlegende Problem der Glaubwürdigkeit haben, sind sich eigentlich einig: „Geschmack hin oder her, Matrix ist ein Meilenstein der Filmgeschichte!“
So gibt es auch zu Recht acht von sieben Punkten, unseren selten vergebenen
25 Frames Award.
Fazit: Matrix verrührt Philosophie, Religion, Poesie, Drama und Action zu einem virtuellen Cocktail der Superlative, aber immer dran denken: „There is no spoon!“