Nicht oft kommt es vor, dass schon der dritte abendfüllende Spielfilm eines Regisseurs sowohl Rekorde an den Kinokassen bricht als auch die Herzen der Kritiker und Zuschauer erfreut. Jungtalent
M. Night Shyamalan 
hat es mit
The sixth sense geschafft: Als Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion hat er mit seinem Film für derart viel Gesprächsstoff gesorgt, dass andere Regisseure davon nur träumen können. Vor allem deshalb, weil es ihm gelungen ist, mit Bruce Willis einen Superstar zu ködern, der von sich selbst sagt, dass er ohne das außergewöhnliche Drehbuch nie sein OK gegeben hätte.
Das Drehbuch ist auch tatsächlich der größte Pluspunkt. So überrascht
The sixth sense nicht nur mit einem für Hollywood, sondern auch für unsere Zeit äußerst selten gepflegtem Genre: Dem des Psychothrillers.
Wobei Shyamalan darunter kein actiongeschwängertes Breitband-, sondern auf Dialog und Stimmung aufgebautes Spannungskino versteht. Ähnlich wie
Hitchcock 
kommt er ganz ohne Gewalt aus und erzeugt nur durch Farben, Töne und natürlich die schauspielerische Leistung seiner Darsteller Gänsehaut.
Er bedient sich dabei als Kulisse des herbstlich grauen Vorstadt-Philadelphia und seiner gotischen Architektur - eine Szenerie, die schon so größtes Schaudern erzeugt - gekonnt werden beklemmende Stille und sparsames Licht eingesetzt. Die Spannung setzt sich mit dem Auftauchen der verstorbenen Geister in Coles Fantasie fort, die just immer dann ihr Stelldichein geben, wenn der Zuschauer sie am wenigsten vermutet. Und findet ihre Syntax in einem der überraschendsten und gleichzeitig schockierendsten Finali der Filmgeschichte. Gerade über das Ende und das damit verbundene Aha-Erlebnis wurde am meisten im Zusammenhang mit
The sixth sense gesprochen.
Ich darf beruhigen: Es wird auch hier nicht verraten. Nur so viel: Der Film hat noch weit mehr Vorzüge als bloß das Ende.
Regisseur Shyamalan gelingt es, kontinuierlich Spannung aufzubauen. So kommt beim Zuschauer keine Minute Langeweile auf, auch wenn sich handlungsmäßig oft gar nicht so viel tut.
Nur langsam kann Psychiater Crowe und mit ihm der Zuschauer in die tiefen Seelen-Abgründe des kleinen Cole vordringen. Sein Gemütszustand, durchdrungen von Angst und Einsamkeit sowie der Gewissheit, anders als die anderen zu sein, wecken in uns die Überzeugung, dass "nicht zu kommunizieren oder Geheimnisse vor den Menschen zu bewahren, die wir lieben, Ehen, Familien und sogar Leben zerstören" kann (Shyamalan).
Bis zum Schluß ist man sich immer noch nicht ganz im Klaren, was Cole wirklich denkt und fühlt, und selbst nach dem Film bleiben jede Menge Fragen offen. Was man weiss, ist, dass man sich hier auf eine unglaublich spannende Reise begibt, eine Reise in die verstörte Welt eines Achtjährigen.
Dass dies glaubhaft gelingt, ist zu einem Gutteil der schauspielerischen Entdeckung des Jahres, Haley Joel Osmont, zu verdanken: Seine kühle und unnahbare Darstellung des kleinen Cole ist Zeugnis einer Schauspielkunst, die man sonst nur von den ganz Großen des Faches gewohnt ist. Aber auch Bruce Willis überrascht hier mit schnörkellosem Spiel und setzt mit der Rolle des Kinderpsychiaters Dr. Malcolm Crowe seinen Weg vom Action- zum anspruchsvollen Film fort.
Gewiss, man kann dem Film vorwerfen, gewisse Handlungsstränge wie etwa Malcolms Auseinanderleben mit seiner Frau nicht konsequent genug zu verfolgen - so ist unklar, ob sie im Nachbarsjungen eine neue Liebe gefunden oder sich mit Malcolms Arbeitswut abgefunden hat. Man könnte auch bemängeln, dass das Finish zu abrupt kommt, das alles wird jedoch durch die geniale Bildersprache Shyamalans mehr als kompensiert.
Resümée: Ein Film, der (nicht nur) mir noch lange im Gedächtnis geblieben ist und einer der Höhepunkte des Kinojahres 1999 war.