Man muß sich das vermutlich so vorstellen: als es vor kurzem den allgemeinen Medienrummel um mögliches Leben am Mars gab, entschied man sich in Hollywood, ein wenig von der Gratispublicity zu profitieren. Dazu wurde ein Drehbuch zusammengeschustert (vier Autoren teilen sich den credit), das entfernt an die Parodie einer
Star Trek-Folge erinnert (mystischer Kontakt mit fremder Intelligenz), und dann gleich mit eimerweise Zitaten aus anderen Filmen zugekleistert:
2001 - Odysee im Weltraum
, Abyss
, Unheimliche Begegnung der Dritten Art 
und noch viele mehr finden sich in
Mission to Mars zitiert bis abgekupfert, allerdings ohne jeden Zusammenhalt: von einer Story kann man beim Endprodukt hier mit dem besten Willen nicht sprechen - die Welten von
de Palmas 
neuem Werk wollen in keiner Hinsicht zusammengehen. Das liegt weniger an der sprungweise absolvierten Handlung, den zahllosen Möglichkeiten, die der Film anreißt, um sie dann nicht zu verwenden (etwa die Zeitverzögerung einer Übertragung vom Mars zur Kommandostation, die breit erklärt wird - um dann nie wieder vorzukommen), als an der flachen Charakterisierung und den Dialogen, die mit zum Peinlichsten gehören, was man in den letzten Jahren ertragen mußte. Im schlimmsten Fall kommt dann beides zusammen: das Ende der Partyszene zu Beginn etwa, in der Robbins und Cheadle Sinise erklären, warum er nicht mitfliegt - als ob dies nicht schon alle wüßten. Das ist nicht nur ein reichlich seltsamer Weg, den Zuseher auf Kosten der Protagonisten zu informieren, sondern auch noch peinlich geschrieben - die Akteure, die allesamt schon in vielen Filmen ihr Können unter Beweis gestellt haben, können sich oft vor peinlichem Schweigen kaum noch helfen. Das wird im Verlauf des Films nicht besser und erreicht einen traurigen Höhepunkt, als gegen Schluß eine schön gestaltete Morphing-Sequenz kommt, die den Zuseher eigentlich durch ihre funktionale Schönheit beeindrucken sollte. Täte sie womöglich auch, würden die Darsteller nicht auch noch ständig wiederholen, was zu sehen ist. Hier führt kein Weg dran vorbei: das Drehbuch von
Mission To Mars ist unter aller Sau - in jeder Hinsicht. Personen begehen völlig unmotiviert sinnlose Akte (Gary Sinise weigert sich einmal ohne jede ersichtliche Begründung einen Helm aufzusetzen, während das Raumschiff Sauerstoff verliert - entweder die Macher wollen besonders gefinkelt auf seine psychische Instabilität hinweisen oder es geht dann doch nur darum, ein paar Sekunden Erstickungsnot herauszuschinden), mühselig herausgearbeitete Situationen werden binnen zwei Sekunden gelöst und wieder vergessen (ein Mann, der eben noch von einjähriger Einsamkeit am Mars in bedrohliche Umnachtung verfallen ist, kann unmittelbar darauf schon mathematische Probleme erklären). Möglicherweise gaben die Drehbuchautoren einfach irgendwann auf und überließen alles der Marketingabteilung. Das würde auch erklären, warum
Mission To Mars so exzessives und offensichtliches product placement begeht wie kaum ein Film zuvor: Gelegentlich fürchtet man, die Katastrophen in diesem Film würden durch das Übergewicht wegen der vielen Werbeaufdrucke und Logos auf allem Sichtbaren ausgelöst und das Blockbuster-Kürzel des Films,
M2M, erinnert nicht nur verdächtig an M&Ms - für die Schokobonbons hat man sogar noch eine Art tragende Nebenrolle angeklebt, die selbst hartgesottensten Advokaten der Schleichwerbung die Tränen in die Augen treiben dürfte vor marktschreierischem Gehabe.
Entsetzlich klingt das Alles (und dabei begeht der Film noch viel schwerere Sünden, die hier aus Platzgründen nicht alle aufgezählt werden können) und trotzdem ist
Mission To Mars ein wunderbarer Film. Auch wenn man immer wieder glaubt, daß jetzt gleich die Parodie beginnt (als Eröffnungseinstellung leistet sich de Palma einen wirklich niederträchtigen Scherz, der seinem Frühwerk alle Ehre gemacht hätte) - bis zum Schluß bleibt hier alles gnadenlos (und selten hat dieses Adjektiv besser gepaßt) ernst. Hat man sich erst einmal damit abgefunden, daß man die Dialoge besser gleich wieder verdrängt und der Handlung mit Konzepten wie Logik, Psychologie oder gar nur minimaler Blockbuster-Philosophie (Hauptsache es explodiert viel, dann wird schon keiner Fragen stellen) nicht beizukommen ist, präsentiert sich
Mission To Mars nämlich als visuell wundervoll gearbeitete Ode an die Melancholie. Schon während der unnützen Dialoge des Barbecues zeigt sich
Stephen H. Burums 
Kamera entfesselt - wie schon beim Beginn seines letzten Films,
Spiel auf Zeit, setzt der Regisseur auf lange, durchgehende steadycam-Bewegungen. Das wirkt zu Beginn wie Stil um seiner selbst willen, doch wenn die Handlung sich ins All begibt, bekommt dieses Konstruktionsprinzip Sinn. Auf einem Raumschiff, das wie eine Extrapolation von
Kubricks 
Discovery aus
2001 wirkt, taumeln die Helden des Films hilflos durch die Schwerelosigkeit. Zuerst tun sie es noch tanzend (mit der mittlerweile vertrauten Unlogik des Films zu einem der schwächsten Lieder aus dem gesamten Schaffen von van Halen) in der Schwerelosigkeitszentrifuge, doch spätestens wenn die Unglücksfälle sich häufen wird dieses Konstruktionsprinzip zu einer Frage von Leben und Tod. Um Sekundenbruchteile geht es oft, doch die Protagonisten schweben in unnachgiebig langsamem Gleiten ihren Bestimmungsorten zu - hier erreicht de Palmas Film plötzlich eine Eigenständigkeit, die man schon nicht mehr erwartet hätte: eine Schwermut durchdringt plötzlich, was eigentlich Actionszenen sein sollten, und füllt den Film mit einer unerwarteten Melancholie, die einen selbst
Armin Müller-Stahls 
unerträglichen Akzent verzeihen lassen.
So betrachtet kann man in
Mission To Mars auch die Fortsetzung von
Mission: Impossible 
sehen - hier wie dort verzichtet de Palma auf ein Drehbuch, das eine kohärente Handlung bieten würde; die Geschichte wird zur Trägersubstanz, die die Brücken zwischen den groß orchestrierten Höhepunkten auffüllen muß. Doch war der frühere Film als Hochgeschwindigkeitsvehikel noch zu Blockbuster-Bedingungen akzeptabel, so setzt sich de Palma nun zwischen alle Stühle: Von einer herzzerreißenden Szene in der Mitte des Films abgesehen, die sich mit
Ennio Morricones 
celestischem Soundtrack zu einer wahren Weltraumoper verbindet, funktioniert hier nichts mehr zum Spannungsaufbau (ironischerweise kehrt de Palma für diese Szene auch zu den Schnittverfahren seiner früheren Arbeiten zurück: Dennoch bleibt sie unbeschleunigt, gefangen in der Traurigkeit dieses Films); stattdessen wird hier eine Melancholie der Verlangsamung praktiziert, die allen Marketingstrategien spottet. Man könnte auch von einer Rückkehr zu
James Camerons
The Abyss sprechen: Waren fast alle großen Science-Fiction-Filme Hollywoods in den Neunziger Jahren (
Starship Troopers
, Mars Attacks !
, Flucht aus L.A.) von komödiantisch-parodistischen Zügen geprägt, kehrt de Palma zu einer Ernsthaftigkeit zurück, die über dem Nonsens des Drehbuchs steht (mit Camerons Film teilt
Mission To Mars auch eine eher peinliche Entscheidung ganz zum Schluß). Das rettet
Mission To Mars letztendlich über alle dramaturgischen Mängel hinweg - im Rückblick hätte dieser verzweifelte Film auch in Zeitlupe ablaufen können, obwohl es nötig wäre, einen Stummfilm daraus zu machen, um ihn in einen Triumph zu verwandeln.
Das Resultat erinnert so dann mehr an viele billige Science-Fiction-Filme der Fünfziger, insbesondere eine Arbeit von William Cameron Menzies, der als Produktionsdesigner von
Vom Winde verweht 
berühmt wurde und dann b-pictures drehte, die oft ihre Drehbuchschwächen durch überwältigende atmosphärische Dichte kompensierten. In
Invasion von Mars verwandelte er mittels seines Sinns für surreale Handlungsorte, mangelnde Logik und eines wundersamen Gespürs für kindliche Ängste eine typisches "Invasoren vom Mars sind böse Kommunisten"-Sujet in die paranoide Alptraumphantasie eines zwölfjährigen Jungen. Auch de Palmas Film macht Vergleichbares mit neueren, abgegriffenen Science-Fiction- Themen.
Als sich die außerirdische Macht zum ersten Mal in der endlosen Röte des Mars manifestiert, bildet sie einen Strudel, der alle Fremdkörper ansaugt. Einer der Astronauten versucht zu fliehen und seine langsamen Bewegungen werden zusehends vergeblich angesichts der Kraft in seinem Rücken; irgendwann ist der Moment erreicht, wo der nächste Vorwärtssprung nichts mehr bringt, und er für einige Momente in der Luft hängt, unfähig seine Bewegung fortzusetzen, festgefroren. Es ist dieser hilflose Moment des Stillstands, der absoluten Vergeblichkeit, den
Mission to Mars zwei Stunden zu intensivieren versucht - und dabei bewundernswert scheitert.