Doch noch zu uns ins Kino kommt jetzt der erste Langfilm des kanadischen Malers
Vincenzo Natali 
, nachdem er in den letzten zwei Jahren auf Fantasyfestivals für helle Begeisterung sorgte. Und das zurecht:
Cube ist ein schöner Beweis dafür, dass man mit einer guten Idee kein grosses Budget braucht. Sechs Leute (ebensoviele, wie ein Würfel Seiten hat) finden sich in einem Gebilde gefangen, das aus lauter identischen, würfelförmigen Räumen besteht - nur leider sind manche davon mit teuflischen Fallen versehen. Mehr von der Handlung zu verraten wäre pure Niedertracht: Natalis Film lebt von den Überraschungseffekten, die er wohldosiert zu setzen weiss.
Und darum wird hier nicht verraten, was passiert, stattdessen seien ein paar schöne Kleinigkeiten hervorgehoben. Von der Personenstruktur her erinnert der Film ein wenig an
Ridley Scotts
Alien 
: Zum einen hat sich Natali für ein Ensemble aus nahezu unbekannten Schauspielern entschieden - das fördert nicht nur die Spannung (ohne Stars weiss man nicht, ob jemand überleben wird), sondern hilft auch der Ausgangssituation des Films. Die Sechs sind ganz normale Alltagstypen, die sich plötzlich in einer absurden Notsituation wiederfinden: Anstelle von grossem Schauspiel steht hier unspektakuläre Verkörperung - die Crew begibt sich in die vergleichsweise armseligen Existenzen und Dialoge der Figuren, die eben nicht ausnehmend wortgewandt und clever sind (bei den Dialogen besteht ein wenig Angst, dass sie in der deutschen Synchronisation leicht ins peinlich Banale abgleiten könnten, im Original sind sie zwar oft banal, aber nie peinlich). Und wie in Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker scheint sich der Film gelegentlich in eine Parabel zu verwandeln, wenn die Figuren den Grund ihrer Lage zu begreifen versuchen, doch werden alle gelegten Spuren wieder gründlich verwischt:
Cube erzählt überraschend zerebral von der nackten Angst ums Überleben.
Das äussert sich nicht nur in der klaustrophobischen Ausgangsposition, sondern auch im fortschreitenden Verhältnis der Figuren: die bunt zusammengewürfelte Gruppe umfasst den Zyniker (mit Genuss:
David Hewlett 
) ebenso wie die Skeptikerin (
Nicky Guadagni 
), das gehirnstarke Highschoolmädchen (
Nicole DeBoer 
) und den geistig Behinderten (
Andrew Miller 
, wimmernd), den Polizisten (
Maurice Dean Wint 
) und den Verbrecher (Nebnrollenveteran
Wayne Robson 
). Jeder ist auf seine Art isoliert, die Gegensätze sind vorprogrammiert und in der Streßsituation eskalieren die Meinungsverschiedenheiten rasch. Die Bedrohung lauert aussen und innen (so wie in einer der flirrenden visuellen Überleitungen eine Würfelkante abwechselnd aussen und innen zu sein scheint).
Zuallererst ist
Cube aber ein visueller Genuss (beim Drehbuch wird hin und wieder ein klein wenig getrickst, aber nicht so, dass man sich darüber ärgern müsste): Im Prinzip in nur einem Set (ein Würfelgebilde, das in unterschiedlichen Farben ausgekleidet werden konnte, um so die unterschiedlich gefärbten Räume zu realisieren) gedreht, wirkt der Film trotz seiner unnachgiebig beengten Atmosphäre optisch abwechslungsreich. Zusätzlich zur Farbvariation holen Natali und Kameramann Derek Rogers das Maximale aus minimalem Raum: wechselnde Abstände werden durch die Raumnot verstärkt, die gleichen Details kehren aus verschiedenen Blickwinkeln wieder (je nach Drehbuchsituation) -
Cube gibt sich als Puzzle zu erkennen, das immer wieder neu zusammengesetzt wird.
Solcher Erfindungsreichtum ist heute selten im Genrekino, und darum bringt dieser Science-Fiction-Horror-Psychothriller erfreuliche Abwechslung ins Einerlei: Neben einer konsequent durchgezogenen Grundidee besticht
Cube durch geschickte Inszenierung - sprunghafte Schockeffekte und intensive Auseinandersetzungen prallen aufeinander, ein fast ununterbrochenes Raumrauschen umhüllt die Bilder mit einer Atmosphäre konstanter Bedrohung und in der Mitte kulminiert er in einer der originellsten Spannungsszenen des letzten Jahrzehnts. Dass
Cube jetzt seinen Geheimtipstatus in der Videothek überwunden hat und auf der grossen Leinwand zu sehen ist (wo er noch besser funktioniert) ist eine der erfreulichsten Nachveröffentlichungen dieses Kinojahres.
Fazit: Hochspannender Sci-Fi-Horrorcossover, der durch Ökonomie und Originalität besticht.