The Straight Story.
Der Titel ist hier Programm. Nicht nur, daß die Geschichte die ungewöhnliche Reise des alten Farmers Alvin Straight nach Wisconsin beschreibt, ist der Name viel mehr treffende Metapher für
David Lynchs 
jüngsten Ausflug ins Filmbusiness. Führt Lynch doch seine Fans, die wahrscheinlich schon sehnsüchtig auf die nächste Steigerung in der ewigen Spirale von Skurrilität und Gewalt gewartet haben, arglistig an der Nase herum und setzt ihnen dieses Stück
US-Heimatfilm vor, das wie ein auf Zelluloid gebannter filmischer Erholungsurlaub von seinen früheren Werken wirkt.
Dabei beginnt "The straight story" ähnlich wie Lynchs Vorgängerfilme: Mit einem "neugierigen" Blick in einen beschaulichen Vorgarten, den wieder ein typisches Häuschen mit seinen Rolläden und Blumen auf der Terrasse umgibt. Plötzlich hören wir einen dumpfen Schlag. Die Spirale scheint sich in Bewegung zu setzen, doch Halt...was passiert, ist nichts weiter, als daß der alte Mr. Straight gestürzt ist. Seine Tochter Rose vermutet zwar sofort Fremdeinwirkung - Lynch will uns damit geschickt auf eine falsche Fährte führen - doch der Grund ist einfach Alvins Altersschwäche, die ihm ein Gehen ohne Stock nicht mehr gestattet (damit ist übrigens auch schon der dramatische Höhepunkt des Films erreicht).
In diesem Ton geht es weiter: Lynch bereitet es sichtlich ein Vergnügen, den Zuschauer mit Griffen in seine Zauberkiste zu verunsichern, doch was er herauszieht, ist oft nicht mehr als ein harmloses Kaninchen. Wenn Alvin etwa kurz nach seiner Abfahrt von Laurens einer jugendlichen Ausreisserin ein Stück aus seinem Leben erzählt, vermuten wir sofort Hintergründe, denen Lynch im Folgenden noch Teile seines surrealistischen Repertoires widmen werde, aber nichts dergleichen geschieht.
Und doch ist diese auf eine wahre Begebenheit zurückgehende, zuerst in einem Artikel der New York Times erschienene Geschichte nichts mehr und nichts weniger als die
logische Fortsetzung und Entwicklung im Oeuvre des Regisseurs: Wir waren bei der Geburt des Helden dabei ("Eraserhead"), sahen ihm beim Erwachsenwerden zu ("
Blue Velvet 
", "
Wild at heart 
"), machten seine Entwicklung zum erwachsenen Mann mit ("Twin Peaks", "
Lost Highway 
") und verfolgen ihn nun am Ende seines Lebens, genauer gesagt am Ende seiner Reise. Der Held ist müde geworden, doch seine Willenskraft ist ungebrochen. Richard Farnsworth stattet diesen Helden mit einem, von so intensiver Sentimentalität und Leiden geprägten Gesicht aus, sodaß man meinen könnte, man könne in Alvins Falten sein gesamtes Leben lesen.
Die Reise kann darüber hinaus auch als eine Art
Seelenwanderung verstanden werden – weit mehr als die anderen Werke Lynchs - , da wir uns bei "The Straight story" immer in Gedanken und Worten bei einer Person befinden. Nur sehr selten weicht die Kamera von Alvins Blickwinkel ab, deutet die Charaktere anderer nur in Umrissen an; es bleibt somit die Konzentration auf die Person des 73-jährigen, was diesen Film auch zum persönlichsten in der Karriere des Regisseurs macht. Daß im Gegensatz dazu Lynch seinen Hauptdarsteller als äußerst zurückgezogenen, distanzierten, ja bisweilen sogar gefühlskalten Zeitgenossen - so sehen wir im ganzen Film keine einzige Berührung durch Alvin, selbst am Ende schüttelt er seinem Bruder nicht einmal die Hand - definiert, vermag noch am ehesten die innere Zerrüttung in der Person Straights zu vermitteln.
Der Verzicht auf surrealistische Elemente, das (Ver)-Leugnen jeglichen transzendentalen Raumes und die weitestgehende Abkehr von Symbolik - nur einmal kann es Lynch nicht lassen, wenn er am Anfang, als Alvin von den bitteren Erfahrungen seiner Tochter Rose erzählt, das zentrale Element seiner Filme, das Feuer, "zitiert" - zeigt auf, daß der Film bereits am Tor zu einer anderen Welt, nämlich dem
Übergang vom Leben zum Tod, spielt. Unmißverständlich führt uns das die Kamera von
Freddie Francis 
vor Augen, wenn sich der Fokus immer wieder auf den blauen Himmel über der Landstraße richtet. Denn Alvins Reise wird seine letzte sein, er muß mit sich selbst und den anderen Mitmenschen, vor allem seinem Bruder, noch ins Reine kommen. Es ist ein Geben und ein Nehmen, dieses Geschichtenaustauschen, das Alvin da mit seinen "Weggefährten" praktiziert; im Grunde genommen fast schon mit dem Sakrament der letzten Ölung vergleichbar, wenn der alte Mann durch seine Bekenntnisse (vor allem im Gespräch mit dem alten Kriegsveteranen) sich und andere von Schuld "erlöst".
Die geradlinige Story gestattet Lynch nebenbei auch das Ausleben eines Talentes, dem er in seinen früheren Filme genrebedingt nur bedingt frönen konnte: dem
Humor.
Perfide Wortspiele und pechschwarze Metaphern wechseln einander in gleichbleibenden Rhythmen ab. So muß sich Alvin für seine Reise beim örtlichen Werkzeugladen nebst Proviant auch einen "grabber" (in deutsch etwa: Gartengreifer) besorgen. "What do you need a grabber for?" fragt einer der anwesenden Kumpels. Alvin antwortet darauf in seiner wortkargen Art: "Grabbin’!"
Lynchs feiner Sinn für hintergründige Komik erweist sich aber am ehesten in der wohl gleichzeitig auch skurrilsten Szene des gesamten Films: Einmal wird er von einem PKW überholt, den er in kurzer Zeit wieder einholt. Die Fahrerin ist mit einem Hirsch zusammengestoßen. Nun beklagt sie sich bei Alvin, daß ihr ein solches Unglück mittlerweile schon das dreizehnte Mal passiert sei, wo sie Hirsche doch so liebe. Sie könne machen, was sie will, immer laufe ihr ein Hirsch vor die Motorhaube. Alvin zuckt nur mit den Achseln. In der nächsten Einstellung sehen wir ihn dann den Hirsch am offenen Lagerfeuer verspeisen, während ihn die Familie des Hirsches arglistig beäugt (übrigens eines der schockierendsten Bilder in einem Lynch-Werk überhaupt). Das Geweih verwendet er als Schmuck für seinen Traktor.
Wenn man so will, ist dies die zentrale Stelle im gesamten Film, denn Lynch zitiert mit dieser einen Szene sämtliche seiner bisherigen Filme.
Es ist eine lange Reise, auf die uns David Lynch mit Alvins Rasenmäher mitnimmt. Doch nicht so sehr die Länge, sondern viel mehr die
Langsamkeit der Reise faszinieren. Eine Langsamkeit, der auch die Story (wenn von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann), die Kamera, der Schnitt, ja besonders die Musik
Badalamentis 
- der hier mit einem countryähnlichen Thema überrascht, das Alvin Straight den ganzen Weg nach Wisconsin begleiten wird - gebetsmühlenartig folgen müssen. Hier muß nicht Zeit eingeholt werden, diese steht vielmehr ausreichend zur Verfügung. Und gerade diese Geschwindigkeit von "The Straight story" macht den Film auf den ersten Blick zu so etwas wie einem Kuraufenthalt von früheren Lynch-Reisen in die tiefsten Verstecke unserer Seele - der Regisseur baut hier zur Untermauerung übrigens wieder geschickt den Blick der Kamera auf den Mittelstreifen der Landstraße ein, gewissermaßen der immer wiederkehrende Ausschnitt aus "Lost highway", nur eben mit einem Zehntel der Geschwindigkeit seines Vorgängerfilms.
Mit seinem bislang letzten Film ist David Lynch eine zutiefst ehrliche und von plumpem Chauvinismus gelöste
Liebeserklärung an sein Amerika, ein Heimatfilm der besonderen Art, gelungen. Ein Amerika, in dem noch der typische Pioniergeist des 18. und 19. Jahrhunderts das Bild bestimmt, in dem der einsame und wortkarge Cowboy den Ton angibt. Insofern ist "The Straight story" nichts anderes als ein bezaubernd fotografierter Western, voll von Reflexionen der Menschen und der Natur in den Staaten, gewürzt mit typischen Zutaten aus Lynchville.
Zugleich aber auch ein
tiefer Einschnitt in Lynchs Karriere, der mit diesem Werk gewissermaßen einen gelungenen Stilbruch geschafft hat, der uns mit Spannung auf das blicken läßt, was noch kommen möge.