Wer es noch nicht bemerkt hat, dem sei es an dieser Stelle verraten:
Ethan 
und
Joel Coens 
aktueller Streich entpuppt sich als sehr freie Adaption von Homers Odyssee. Zur Beruhigung sei gesagt: Auch ohne Vorbildung in griechischer Mythologie kann man der Handlung, soweit eine solche überhaupt existiert (was übrigens schon bei der Inhaltsangabe für den Kritiker so einige Probleme macht), ohne Probleme folgen.
Hoch war der Erwartungsdruck an das neue Werk der Brüder, die spätestens seit dem gefühlvoll erzählten Krimi "
Fargo 
", der für die Kritiker dieser Welt so gar nicht einzuordnen ist, und der grandiosen Aussteiger-Posse "
Big Lebowski 
", die noch viel schwerer einzuordnen ist, als die talentierten
Wunderkinder Hollywoods gelten und die für manchen der schreibenden Zunft gar die Retter der Traumfabrik verkörpern.
Nun, herausgekommen ist ein sich an der chaotischen Erzählweise Lebowskis orientierendes, der exakten Charakterstudie Fargos eher bemüht folgendes "antikes"
Roadmovie, das nur bedingt hält, was es verspricht. Angeführt von einem in seiner Mimik und Ausdruck auf einem frühzeitig schauspielerischen Höhepunkt befindlichen George Clooney – ohne "Dan Deppers" Haarwachs und ein Dutzend Haarnetze ist er es nicht – gelingt es dem kauzigen Trio schon sehr bald, die Sympathien an sich zu ziehen. Divergierend und doch irgendwie homogen stolpern die drei
tollpatschigen Ausbrecher durch den Film, ohne Plan und Ziel, doch wozu auch, fragt man sich. Durch die geschickte und fortlaufende Einbindung von Elementen der
Odyssee ist der Weg in Wahrheit vorgegeben, und damit auch das Ziel. Aus jeder auch so aussichtslosen Situation gelingt es den dreien, irgendwie zu entkommen, wodurch “O Brother...” durchaus auch als
Hommage an das legendäre Komikerduo Stan Laurel und Oliver Hardy interpretiert werden kann. Da ist etwa die Szene, in der Everett, Pete und Delmar sich in des Vetters Scheune verschanzen, umzingelt von unzähligen Polizisten, die das Gebäude bereits mit brennenden Fackeln bewerfen und nur darauf warten, dem Trio den Garaus zu machen. Wenn dann Everett mit bereits brennendem Hosenboden die Flucht nach vorne antritt und gerade noch das rettende Auto erreicht, dann kommen nicht von ungefähr Reminiszenzen an
Schwarz/Weiß-Slapstickorgien der 20er und 30er auf. Das Ganze garnieren die Coens selbstverständlich mit ihrem so typisch beiläufigen und scharfzüngigen
Humor, der hier jedoch nie jene Grenze überschreitet, deretwegen wir “Big Lebowski” so ins Herz schlossen. Das Chaos ist hier ein geordnetes, was umso ernüchternder ist, als der Film enormes Potential hat.
Letzteres zeigt sich besonders, wenn die drei Sträflinge gemeinsam mit dem umwerfenden Chris Thomas King, eigentlich nur um ein paar Dollar abzusahnen, in der heruntergekommenen Radiostation eine Bluesplatte aufnehmen. Die dortige Einlage des Trios Clooney/Turturro/Nelson ist eine dieser Szenen, in denen die ganze Kunst der Coens kumulativ entfacht wird und wie ein gigantisches Feuerwerk im Geiste des Betrachters noch lange haften bleibt. Da bleibt nichts ausgespart: Weder die Kritik am System noch jene an der Musikindustrie. Unerheblich zu sagen, dass am Schluss der gesamte Staat Mississippi zur Musik der “Soggy Bottom Boys” tanzt.
Die Aufzählung an glänzenden wie ebenso schlicht “kranken” Ideen ließe sich beliebig mit dem Auftritt der Sirenen, die bei Joel Coen als sexuelle Verführerinnen inszeniert werden, oder dem bulligen Bibelverkäufer (wie immer glänzend disponiert:
John Goodman 
, der Everett und Delmar mit einem Ast zusammenschlägt) fortsetzen, und man ist geneigt, “O Brother...” schon allein wegen seiner ins Detail verliebten Kameraeinstellungen zu mögen, doch auch ein
finale furioso vermag nicht über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass dieses Vehikel an
Skurillitäten und
Bosheiten (nicht zu vergessen, dass hier besonders die gängigen amerikanischen Wahlkampfspektakel genüsslich durch den Kakao gezogen werden) nie so richtig zu zünden vermag. Zu sehr vermisst man das Unvorhersehbare, zu stark hat man sich auf eine durchgehende Linie zu Lasten des schrägen Wahnsinns konzentriert, der die filmischen Vorgänger der Brüder so wohltuend gegenüber dem Mainstream abgehoben hat. Höhepunkte wechseln sich mit
Leerläufen ab, die auch durch die durchwegs genialen schauspielerischen Darbietungen, wobei hier vor allem George “Dr. Ross” Clooney und der mittlerweile zum Stammgast der Coens mutierte John Turturro hervorzuheben sind, sowie durch den die Gemütlichkeit der damaligen Zeit perfekt unterstützenden Soundtrack nicht abgefedert werden können.
Freilich, der
visuelle Genuss, den die Bilder eines Roger Deakins bieten, entschädigt für zu manches
Zuviel an Formalismus, der den Coen-Brüdern so gar nicht steht. Also, beim nächsten Mal wieder ein bisschen mehr Chaos!
Fazit: Wunderbar fotografiertes Coen-Movie, das wieder mit abgedrehten Dialogen glänzt, jedoch den Ideenreichtum und das Timing seiner Vorgänger vermissen lässt.