Zwei große amerikanische Regisseure prägten Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger irgendwo zwischen Horror und Komödie entscheidend mit, was der gern als "Schund" verkannte Exploitationfilm in den nächsten Jahrzehnten leisten würde:
John Waters 
und
George A. Romero 
. Gemeinsam war ihnen auch das Filmen von billigen Produktionen ausschliesslich in der Heimatstadt: Während Waters in Baltimore die Grenzen des schlechten Geschmacks satirisch erweiterte, arbeitete Romero in Pittsburgh an der sozialen Dimension des Horrorfilms - irgendwo zwischen dokumentarischen Mitteln und heftigen Schocks zeichnete sein genialisches Debüt
Die Nacht der lebenden Toten 
ein düsteres Amerikabild in Zeiten von Vietnam: In einer gnadenlos schäbigen Atmosphäre kämpfte ein Trüppchen isolierter Helden gegen Zombies ums Überleben, bevor am Schluss die Todestrupps der Regierung alles dem Erdboden gleichmachten. Romeros Klassiker wurde rasch zu einem der ersten Mitternachtskulte, und obwohl er sich im nächsten Jahrzehnt in allesamt sehenswerten Arbeiten auf recht vielfältige Weise zwischen Horror und unabhängigem Kino mit den Defekten der amerikanischen Gesellschaft beschäftigte, ist sein Name bis heute vor allem mit der "Zombie"-Trilogie verbunden. Nach längerer Produktion (gedreht wurde nach Sperrstunde und an Wochenenden in der wirklichen Monroe Shopping Mall) stellte er 1978 die Fortsetzung
Dawn Of the Dead (auf deutsch trotz des Fortsetzungscharakters schlicht
Zombie) fertig, seinen vielleicht besten und vielschichtigsten Film. (
Day Of The Dead, der in den 80ern verfasste dritte Teil, stellte in gewisser Hinsicht einen Rückschritt dar.)
Das Einzigartige an Romeros Kino ist, dass trotz aller blutigen Momente und hervorragend inszenierter Suspense-Szenen sein düsterer Ausblick auf die Menschheit an sich den wirklich erschreckenden Subtext ausmacht - als Regisseur hingegen ist er sich sowohl des Einschlags von Gewalt wie auch der Lächerlichkeit von Splatter bewußt. Konsequenterweise setzte er mit diesem Film zwar (zumindest für die damalige Zeit) einen neuen Rekord an Leinwandgemetzel, stilisierte dieses aber bis zum Anschlag - Dave Kehr bezeichnete seine Blustpritzer einmal als die Bilder eines "shotgun Jackson Pollock". Das Grauen lauert woanders als in der blossen Bedrohung durch mühselig vorwärtskriechende, instinktgetriebene Kreaturen. Und so erweist sich die anfängliche Auslöschung eines Zombieheeres in der Großstadt als heimliche Irreführung: Trotz ihrer ungelenken Bewegungen und ihres leeren Blicks stellen die Zombies zu Beginn noch eine wirkliche Gefahr dar. Romero interessiert dabei aber neben ein paar souverän absolvierten Spannungsszenen schon mehr das Bild einer Welt im Chaos: Um zu überleben, heisst es, moralische Bedenken aus dem Weg zu räumen. Ein Wissenschaftler verlangt in der eröffnenden, hektischen Notübertragung im Fernsehen die völlige Vernichtung aller Zombies, unabhängig davon, ob sie vorher Verwandte oder Geliebte gewesen seien - nur durch völlige Auslöschung könne man ihren überhandnehmenden Zuwachs stoppen. Die Aussage (wie einige später in einer weiteren Fernsehsendung von einem anderen Wissenschaftler geäusserten, sprechen sie von der verzweifelten Logik der Totalvernichtung, die auch am eiskalten Ende von Die Nacht der Lebenden Toten stand, und der Romero mit dem genau zwischen diese zwei Zombiefilme fallenden The Crazies ein satirisches Denkmal setzte) löst heftige Kontroversen aus - die verständliche Entrüstung über den scheinbar unmoralischen Vorschlag verpufft beim Zuseher aber baldigst angesichts des folgenden Massakers, bei dem sich Soldaten im Übereifer auch gegenseitig abschiessen, und ein junger Rekrut (wie ein schwaches Echo) angesichts seines Tötens einer menschenähnlichen Kreatur und der verzweifelten Lage nur noch im Selbstmord einen letzten Ausweg sieht.
Diese Wendung ist typisch für Romeros Film (der sich in der Zuschauermanipulation als Hitchcock ebenbürtig erweist, aber womöglich ein noch düstereres Bild der Menschheit malt): Der Horroraspekt liegt nicht im Schrecken, sondern in der Leichtigkeit, mit der Romero die Zuschaueridentifkationen wechseln lässt. Kurz nach der überhasteten Flucht sehen die Helden etwa eine gemütliche Versammlung von Heer und Rednecks, die ankommende Untote als willkommene Abwechslung in den Schiessübungen begreift: Die eben noch bedrohlichen Zombies sind lächerlich geworden; etwas, was sich im Laufe des Films mehrfach wiederholen wird - mit bestürzender Leichtigkeit lässt Romero den Zuschauer die angeblichen Titelhelden abwechselnd als Gefahr, Witzfiguren oder völlig bedeutungslos erscheinen (zu Anfang der zweiten Hälfte verschwinden sie für einen längeren Zeitraum fast gänzlich aus dem Film).
Dabei ist das nur eine Hälfte von Dawn Of The Dead. Hier kommen zwei schmutzige Fantasien zusammen: Gemetzel und Einkauf, beides en gros. Bei der Ankunft in der Shopping Mall, in der vier Fünftel des Films spielen, blicken die Protagonisten durch ein Fenster auf die in einförmigem Schneckentempo durch die Gänge und Boutiquen stolpernden Zombies. "This must have been an important place in their lives", sagt die schwarze Hauptfigur (Zombie teilt die zentralen Figuren mit seinem Vorgänger: ein Schwarzer, zwei Weisse und eine weisse Frau, die Konflikte in der Gruppe spiegeln immer wieder auch rassische und geschlechtliche Ungleichheiten). Zu puren Instinktkreaturen verkommen, schleppen sich die Untoten sinnlos durch eine nutzlose Einkaufswelt. Den Konsumrausch ausleben können dann die Helden. Romero bleibt sich der Zweischneidigkeit bewusst: Ebenso wie der Kampf um die Mall sprungartig den Tonfall wechselt - eben noch kämpft die Vierergruppe verzweifelt gegen das feindliche Heer, bald darauf decken sie sich in einem NRA-Wunschtraum mit Waffen und Munition ein und fetzen zum Vergnügen durch die Gänge, unter Jubelrufen die leichten Ziele abballernd, changiert der unbegrenzte Zugang zu den Waren zwischen Euphorie und Sinnlosigkeit. (Einmal kommt beides zusammen, als sich einer der Vier statt an den echten Zielen an einem Spielautomat im Abschiessen übt.) So nehmen sich die Helden neben Köstlichkeiten und Werkzeug auch längst bedeutungslos gewordenes Geld aus der Kassa ("You never know", sagt einer von ihnen), dass sie dann beim Kartenspielen wie wertlose Jetons benutzen.
Dawn Of The Dead ist voll solcher irritierender Details, die oft für sich genommen nur komisch wirken, im Rückblick aber das ambivalente Meisterstück eines grossen Satirikers aus dem Film machen: Konsequenterweise ist die härteste Auseinandersetzung im Film nicht eine gegen Zombies, sondern nur zwischen Menschen - die in der jetzt herrschenden Anarchie mit sichtlichem Vergnügen raubenden und mordenden Motorradrocker (unter Führung von Special-Effects-Meister Tom Savini
) stellen den wesentlich gefährlicheren Feind dar, in der resultierenden Todesorgie verschwimmt die Identifikation endgültig - die wieder zurückgekehrten Zombies erweisen sich gleichzeitig als Helfer wie Gegner der Helden, die stattfindende Blutorgie als Mischung aus bösartiger Gemeinheit und Slapstick (was, wie oft im Film, gleichzeitig stattfinden kann: Ein Rocker wird von den Zombies zerfleischt, während er ein Blutdruckmessgerät ausprobiert, Romero beobachtet lakonisch die Anzeige beim Sinken).
Auch innerhalb der Gruppe bleiben die Beziehungen stets wechselnd - manchmal herrscht ein Führungskampf, dann ist wieder gegenseitige Unterstützung vorrangig. Mit derselben Leichtigkeit, mit der Romero den Zuschauer in die Gewalt gezogen hat, lässt er den Status der Figuren in konstantem Wechsel. Als der Gebissene nach ein paar letzten Tagen als "Held" (Romeros dunkle, verlockende Fantasie kennt eigentlich keine Helden, nur eine wechselndes Sein als Opfer und Täter, ähnlich wie der Zuschauer abwechselnd zur Identifikation eingeladen wird, um den gleichen Vorgang nochmal als Parodie zu durchleben) unter der Bettdecke zum Zombie wird und sich mit bleichem, leerem Gesicht langsam aufsetzt, nur um vom bisherigen Genossen mit einem Schuss getötet zu werden, sehen die beiden Anderen demonstrativ weg: Ein letztes Klammern ans Menschsein, wo es keines mehr gibt.
Nicht nur, dass in Romeros Film die Menschen nur das ausleben, was die Zombies wollen (und ihr Gehirn für überlegene Planung, aber nie moralische Urteile benutzen - Romero sieht darin nur die Fortsetzung einer Gesellschaft ohne Moral), macht den eigentlichen Gehalt dieses grossen Films der 70er aus (als abwechselnd komisches und spannungsgeladenes Genrestück ist er ohnehin eine Klasse für sich); letztendlich ist der Zuschauer das eigentliche, glückselige Opfer dieses Werks - Romero ermutigt und frustriert ihn abwechselnd, bis am Schluss nur noch die überdrehte, zynische Identifikation zurückbleibt: Ein Jonathan Swift des satirischen Horrorspektakels findet den Zenith seines Schaffens in einem zutiefst menschenfeindlichen Werk zur Weltverbesserung.
Fazit: Ein Meisterstück als Horrofilm, als Satire und in der Zuschauermanipulation: Die Mutter aller Zombiefilme.