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Lust auf Anderes
Original-Titel: Le Goût des autres
Land/Jahr: Frankreich / 1999
Genre: Komödie
Mit: Anne Alvaro .... Clara
Brigitte Catillon .... Béatrice
Jean-Pierre Bacri .... Castella
Regie: Agnès Jaoui
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    Sich verzahnende Beziehungen quer durch die Schichten als Toleranzplädoyer - erstklassige französische Charakterkomödie.

    Eine Kritik von Christoph Huber , 07.10.2000
 
Inhalt
 
 
In einer französischen Provinzstadt kreuzen sich die Wege unterschiedlichster Protagonisten. Da ist der Fabrikant Castella (Jean-Pierre Bacri ) mit seiner Frau Angelique (Christiane Millet ), die sich schon längst auseinandergelebt haben und sich ebensowenig zu sagen haben, wie sie mit Castellas Bodyguard Moreno (Gérard Lanvin ) reden würden. Der unterhält sich in seinen langen Wartepausen dann auch lieber mit dem melancholischen Chauffeur Deschamps (Alain Chabat ). Doch die Eintönigkeit verfliegt rasch, als das Ehepaar eine Theateraufführung, in der eine Nichte mitspielt, besucht. Castella verliebt sich auf den ersten Blick in die Hauptdarstellerin Clara (Anne Alvaro ), die sich auch als die Englischlehrerin erweist, die sein Manager Weber (Xavier de Guillebon) für ihn engagiert hat. Bei seinen ungeschickten Annäherungsversuchen sieht sich der Provinzler mit der fremden Welt ihrer befreundeten Künstlerclique konfrontiert, etwa dem Pärchen Antoine (Wladimir Yordanoff) und Benoit (Raphael Defour). Zur selben Zeit verlieben sich Deschamps und Moreno in dieselbe Frau, Mnie (Agnès Jaoui ), eine Kellnerin, die sich ihren kargen Lebensunterhalt durch ein bisschen Haschdealen aufbessert - nicht eben zur Freude der Verehrer. Und während alle mit ihren Vorurteilen und Gewohnheiten kämpfen, drehen sich die Verwicklungen unter den verschiedenen Charakteren immer weiter...
 
Kritik
 
 
Agnés Jaoui ist hierzulande als Darstellerin und Drehbuchautorin für Filme von Alain Resnais (Smoking/No Smoking, Das Leben ist ein Chanson) und Cedric Klapisch (Un Air de famille) bekannt geworden. Ihr Regiedebüt, Lust auf Anderes, das sie wie die beiden letzterwähnten Filme mit ihrem Gatten Jean-Pierre Bacri (der auch in allen dreien mitspielt) geschrieben hat, folgt jetzt mit Erfolg dieser Linie französischer Charakterkomödie und vermeidet dabei klug die zwei Dinge, die hierzulande gern das Publikum von diesen feinsinnigen Amüsements trennt: Weder intellektuelle Abgehobenheit noch spezifisch französischer Witz verstellen hier die Sicht der Dinge (dennoch - oder eher: deswegen - war ihr Film im Heimatland einer der größten Kassenerfolge der jüngeren Zeit.
Von Altmeister Resnais hat sie dabei auch einiges gelernt, was kluge Inszenierung anbetrifft. Ihr Bildaufbau ist sparsam und elegant zugleich: Die Details lenken hier nie ab, sondern erfüllen immer einen (zumeist komischen Sinn). Ebenso hat sie den musikalischen Fluss, der etwa Das Leben ist ein Chanson kennzeichnete, geschickt in die Dialoge und den klug benutzen Soundtrack verlagert, vor allem ist Lust auf Anderes aber eine hervorragend geschrieben und besetzte Ensemblekomödie.

Jean-Pierre Bacri etwa als Castella, gekennzeichnet mit einem in ländlichen Kreisen gern als prächtig bezeichneten Schnauzer, spielt seinen Charakter mit minimaler Grazie zum maximalen Effekt. Das Grundthema des Films (das Verhaftetsein in einer bestimmten Clique und den dazugehörigen Lebenseinstellungen), das in allen Episoden abgewandelt wiederkehrt, ist nirgendwo so komisch wie in den lächerlichen, aber zugleich bewegenden Versuchen des provinziellen Kretins, in den Künstlerkreisen, denen seine Angebetete zugehört, Fuß zu fassen. Wenn er da auf einer Vernissage gedankenverloren "Schwuchteln" vor sich hinmurmelt, wie er es wohl gewohnt ist, steht er garantiert dem homosexuellen Paar Antoine und Benoit gegenüber, und möchte am liebsten vergehen, als ihm die Tragweite bewusst wird. Von den nötigen Umstellungen, wenn man in eine neue Lebenswelt gelangt, erzählt dieser Film, und ist dabei immer komisch und einfühlsam, ohne je zur breiten Satire oder menschelndem Belehren greifen zu müssen: Lust auf Anderes ist ein kunstvoll verfertigter Reigen der Beziehungen zwischen vertrocknender Gewohnheit und dem stets etwas furchterregenden Neuen. Der Fülle der Details oder der durchwegs grandiosen Darstellerriege dabei genüge zu tun, ist schier ein Ding der Unmöglichkeit. Obwohl es ganz leichtfüßig und unterhaltend dahingleitet, zeigt sich dieses Kinostück als hochkomplexe Serie von Variationen zum Thema.
Alleine die Eröffnungseinstellung ist da eine Sache für sich: Zwei Gespräche werden einander gegenübergestellt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben: Am üppigen Esstisch unterhalten sich zwei Geschäftsmänner und eine Frau über Firmendetails und ähnliches, an einem Bartisch trinken zwei Männer in Anzügen (aber sichtlich proletarischer Herkunft) ihr Bier und reden von Betrug. Erst am Schluss wird klar, dass sie nicht nur alle im selben Lokal sind, sondern dass die zwei Letztgenannten Chauffeur und Bodyguard des einen Geschäftsmanns - eben Castellas - sind.

Lust auf Anderes ist gespickt mit solchen Doppelungen und anregenden Details, die sich dann als ganz selbstverständlich erweisen. Ähnlich wie der nach komischen wie tragischen Rückschlägen erlernte Umgang mit dem Anderen letztendlich durch Toleranz bewerkstelligt wird. Irgendwann rasiert sich Castella seinen Schnauzer ab, um zu zeigen, dass er ein neuer Mensch ist. Seiner Frau, die ihren öden Ehealltag mit Tierliebe kompensiert, fällt es nicht einmal auf, die Anderen weist er immer wieder missliebig darauf hin (bemerken tun es nur die, die es gar nicht sollen) - aber ein anderer, vielleicht besserer Mensch wird er erst, als er auch innerlich zeigen kann, dass er sich gewandelt hat (wie es in vielen anderen Unterplots des Films, die ebenso schön und witzig sind und auf die jetzt wirklich nicht mehr alle eingegangen werden kann), darf er aber dann auch übers Gesicht strahlen - und da Publikum strahlt mit ihm. Hoffentlich - bei aller sozialen Genauigkeit ist Lust auf Anderes vielleicht doch nur eine wunderschöne Utopie.


Fazit: Ein ausgezeichnetes Regiedebüt der Autorin und Darstellerin Jaoui: Ein beschwingter Reigen als Charakterkomödie und Plädoyer für gegenseitiges Verständnis ohne einen aufdringlichen Moment - und mit einem großartigen Ensemble.



Lust auf Anderes
Die Tücke der Verständigung (rechts: Bacri mit Bart)

Wertung:
Redaktion: Redaktionswertung: 7/7
Leser: Durchschnittsleserwertung: 7

Schnellwertung:


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