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Hollow Man - Unsichtbare Gefahr
Original-Titel: Hollow Man
Land/Jahr: USA / 2000
Genre: Science Fiction, Horror, Thriller
Mit: Elisabeth Shue .... Linda McKay
Kevin Bacon .... Sebastian Caine
Regie: Paul Verhoeven
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Inhalt
 
 
Sebastian Cain (Kevin Bacon ) leitet ein strenggeheimes, vom Pentagon finanziertes Forschungsteam, das an der Entwicklung eines Unsichtbarkeitsserums arbeitet. Nachdem es im Tierversuch zum ersten Mal gelungen ist, ein unsichtbares Wesen auch wieder sichtbar zu machen, entscheidet sich Cain - der wegen mangelnder Ergebnisse unter Druck von oben steht - zum Selbstversuch. Der findet ohne Wissen der Auftraggeber statt, obwohl Cain gegenüber dem Team, zu dem auch seine Ex-Freundin Linda (Elizabeth Shue ) und deren neuer Lover Matt (Josh Brolin ) gehören, behauptet, der Versuch sei offiziell genehmigt. Nach der peinvollen Umwandlung lernt Cain bald die Vorteile der Unsichtbarkeit zu schätzen: Er spannt auf der Damentoilette oder stattet seiner hübschen Nachbarin unangemeldeten Besuch ab, nachdem er sich unerlaubt aus dem Labor verdrückt hat. Die anderen Wissenschaftler sind zunehmend beunruhigt über sein Verhalten und wollen ihn im abgeschlossenen Laborkomplex gefangen halten. Doch Cain lässt sich das nicht bieten - der unterirdische Bunker wird zum Schauplatz eines Kampfes auf Leben und Tod...
 
Kritik
 
 
"Pull out the big ones, baby!" singen Boss Hog und schon liegt ein Schub Pornohefte auf dem Tisch. Willkommen in der Wunderwelt von Paul Verhoeven, selbsternannter übler Bursche Hollywoods. Wir erinnern uns: Verhoeven ist der Mann, der mit dem gefloppten Komödienmeisterwerk Showgirls Hollywood einen kitschig-zynischen Spiegel vorgehalten hat, und in Starship Troopers  einen Sommerblockbuster in verdoppelter Selbstkritik als faschistischen Werbefilm verkaufte, ohne dass es der Grossteil des Publikums bemerkte. Die Studiobosse scheinbar auch nicht: So zufrieden sind die mit den technisch immer hervorragend verfertigten, elegant bebilderten Genrestücken, dass Herr Verhoeven ein Grossprojekt nach dem anderen bekommt, ungeachtet der teilweise katastrophalen Einspielergebnisse. Gottseidank muss man sagen - wer außer Verhoeven hätte die Chuzpe, Leni Riefenstahls  Triumph des Willens als guilty pleasure anzugeben? Und wer außer Verhoeven lädt heutzutage noch das Publikum ein, so es will, an seinem Genredekonstruktionswitz teilzunehmen? (Lars Von Trier  tut es, aber der wird weiterhin als Kunstfilmer missverstanden.) Entgegen den gern geäußerten Behauptungen, Verhoeven verhöhne nur sein Multiplex-Publikum, sind seine Filme in Wirklichkeit ein perverser Spass, die die Grenzen des Möglichen austesten.
Zum Beispiel so: Zu Beginn von Hollow Man kriecht eine niedliche kleine Laborratte durchs Labyrinth - um sogleich von einer unsichtbaren Kreatur blutig verspeist zu werden. Das ist ebenso ein zynisch-bunter Eröffnungswitz, wie eine Einladung ans Publikum, sich auf kommende Bluteinlagen zu freuen - die bleiben dann aber doppelt heimtückisch solange aus, bis es im Showdown wirklich ans Eingemachte geht. Und zwar gegen andere Menschen.
Aber: Stört das überhaupt? Sebastian Cain, der Schurke des Films, ist, man kann es gar nicht anders sagen, ein Arschloch. Damit ist er aber auch die interessanteste Figur des Films. Verhoeven, berühmt dafür Schauspieler zu möglichst eindimensionalen Darstellungen zu reduzieren (der schwächliche Cast von Beverly-Hills-Makellos-Nachwuchsstars ohne besondere Ambitionen in Starship Troopers dürfte wohl sein Traumensemble sein), macht es nämlich nicht leicht, den "Guten" Sympathie zukommen zu lassen: Elizabeth Shue (die als erste genannt wird), wird zum flachen Sexualobjekt degradiert, ihr Gespons Matt Brolin könnte sich nicht einmal aus einer nassen Papiertüte herausspielen - umso größere Freude hat Verhoeven daran, ausgerechnet diese Null zur Person des Films zu machen, die einem "Helden" am nächsten kommt.

Man sieht schon - Hollow Man ist ein Film der scheinbaren Widersprüche - scheinbar deswegen, weil Verhoeven klar macht, dass sie nur im Kopf und den Erwartungshaltungen des Zuschauers existieren. Tatsächlich präsentiert sich der Film an der Oberfläche zuerst einmal als hervorragender Thriller in guter alter mad scientist-Tradition inklusive prächtigster Spezialeffekte, die zum Besten gehören, was man in letzter Zeit auf der Leinwand gesehen hat (das Unsichtbarkeitsverfahren sieht man zum ersten Mal im rückwärtigen Modus: Schicht für Schicht, wie in den Modellen von Vesalius - Knochen, Muskeln, Arterien usw. - erblüht aus dem Nichts ein Wesen wie eine perfekte Blume), dem obligatorischen, mehrfach verlängerten Showdown und größter Freude an den Blutspritzern und Perspektivenwechseln, die einem ein heimliches Remake des Unsichtbaren so erlauben.
In Zeiten, wo solchen Genrearbeiten gerne tiefe Aussagen unterstellt werden, hört man nahezu, wie sich Verhoeven darüber totlacht, dass das hier alles nicht mehr funktioniert. Wenn Bacon etwa - bereits unsichtbar - ins Apartment des von ihm immer schon gern beäugten blonden Babes von gegenüber eindringt, folgt eine Serie von wechselnden Kamerablickpunkten, die die Zuschaueridentifikation ununterbrochen in Frage stellen: Eben noch die Sichtweise des Opfers, dann die des Täters - ist das Publikum voyeuristischer Mitverbrecher oder doch die Labormaus des Anfangs? Verhoeven lässt sich - im Gegensatz zu seinen Vorgängern Hitchcock  und De Palma  - nicht mehr festlegen. Als Cain einmal versucht, Linda zu vergewaltigen, erweist sich das schnell genug als Traum - von Linda. Masochistische Phantasie oder Alpdruck? - Verhoven bleibt jede Antwort schuldig. Selbst das Naheliegendste - die Implikation, dass die militärischen Auftraggeber wesentlich schlimmere Dinge mit der Unsichtbarkeit anstellen könnte, als der ausgerastete Wissenschaftsgenius - wird nur so beiläufig gestreift, dass man es nur noch als doppelten Boden begreifen kann. (Ebenso wie die alte Klamotte "Gefahren der Wissenschaft" - die erste Szene "wissenschaftlicher Entwicklung" macht das als genretypischer "Bau ich doch schnell das Wundermittel am Computer"-Vorgang klar.) Jede mögliche "Aussage" wird auf einen Level reduziert, in dem sie in etwa so viel Bedeutung hat, wie die Frage nach dem Wetter.

Bleibt die Frage - was hat Hollow Man dann eigentlich noch zu bieten außer einer hervorragend abgelieferten niederträchtigen Genreübung, die von Verhoeven mit charakteristischer Eleganz als Hochgeschwindigkeitsactionspektakel mit fast schon malerischer Klarheit der Komposition (natürlich in seinen liebgewonnen Pop-Art-Farben) abgewickelt wird?
Zuerst einmal Spass - hier schenkt sich der holländische Subversionsmeister nichts: Sei es, dass Bacon grottenfalsch zu Skunk Anansie im Auto mitsingt, sei es dass er am Weg zur Operation selbstverliebt splitternackt vorm weiblichen Personal Aufstellung nimmt und verkündet "Ladies, this is for science!" (Vorher erzählt er - natürlich, ist man versucht zu sagen - noch schnell den ältesten Unsichtbarer-Mann-Witz aller Zeiten. Soll keiner sagen, es wäre nicht klar, das Verhoeven Unernst gross auf sein Banner geschrieben hat. Es gibt übrigens ein paar Lücken in der Story, auf die zuvor ganz explizit hingewiesen wird, Verhoeven macht nur ernst damit, den Zuschauer auf sein perverses Konzept hinzuweisen.) In Verhoeven-Filmen kommt unter der scheinbar stromlinienförmigen Genreoberfläche immer das schlechteste im Menschen raus - Bacons Figur ist von Anfang an ein größenwahnsinniger Narziss mit etwas unguten Neigungen. Wird er zur mörderischen Gefahr wegen einer Nebenwirkung des Serums? Oder tut er das, was jeder tun würde, wenn er durch Unsichtbarkeit die Chance dazu hätte? Oder ist es nur die logische Entwicklung seiner verdächtigen Charakterzüge? Verhoevens Film gibt keine Antwort - das würde nicht nur womöglich das Tempo bremsen, sondern auch seinen besonderen Genuss daran, unentschuldigt in den widerlichsten Untiefen der menschlichen Seele herumzustochern.
Nicht nur, dass sich in Hollow Man das postmoderne Zitatenkino endlich auf dem eigenen Level einfindet - die völlige Entleerung von ideologischer oder politischer Aussage findet die perfekte Form: Nichts ist Verhoeven so fremd wie das gern bemühte, heutzutage zumeist nur wie ein dumpfer Appell an den kleinsten gemeinsamen Nenner wirkende Nebenher-Wiederbeleben von patriotischem oder konservativem Gedankengut, im Gegenteil, sein misantropher Blick wirkt grundlegend antiamerikanisch - etwa die Golfkriegslandschaft auf dem Käferplaneten in Starship Troopers - was man wohl von keinem anderen Blockbusterregisseur dieser Tage sagen kann. Stattdessen erzählt er nur von des Menschen Niedertracht. Und so, wie er dann Mord und Totschlag als fröhliche Zutaten eines Kinos benutzt, das eben diese Akte in Unterhaltung umformt, macht er klar, welchen Missbrauch andere Filmemacher eigentlich damit betreiben. In Hollow Man darf der Zuschauer glücklich seine niedrigsten Impulse ausleben, und bestraft ihn subversiv dafür. Auch wenn Kevin Bacon nur zwanzig Minuten zu sehen ist, gehört ihm in Wirklichkeit der Film (und alleine seine genüssliche Stimmenarbeit an der fortgesetzten Hinterhältigkeit lässt ihn himmelhoch über die anderen Darsteller ragen): Unsichtbar wie der Kinogeher in seinem Stuhl spurtet er von einer Boshaftigkeit zur nächsten (und ohne die würde es den Film ja nicht geben), und weil die Spannungsschraube gesteigert werden muss, wird er dabei immer brutaler. (Der Film findet gegen Ende sein Bild dafür: Einmal ist die einzige Chance, ihn sichtbar zu machen, ihn mit Blutproben zu bewerfen.) Sebastian Cain, der Auslöser des Films, ist weniger Kevin Bacon (den die Computertricks ja aus dem Bild weglöschen müssen), in seinem Hochmut und seinem Hang zur Brutalität wie auch seiner anmutigen Bösartigkeit ist er auch Paul Verhoeven, und überhaupt wir alle, die uns dabei prächtig amüsieren. Auch wenn Verhoeven (der die Presse noch lieber in die Irre führt als die Zuschauer) in Interviews gern Plato ins Feld führt, um von den Gefahren hinter dem Konzept der Unsichtbarkeit zu erzählen, weiß er genau, was er tut. Das wirkliche Zentrum seines Films ist die Leerstelle (man betrachte nur das diebische Vergnügen Verhoevens, das Geschlechtsteil Bacons zu zeigen, indem er es "nicht zeigt", also in Tempertaurbildern und Ähnlichem, was nur Umrisse zeigt). Rundherum organisisiert er den Rest dessen, was Hollywood unserer Phantsasie übriglässt: Ganz formelgemäß dieses Festival des abartigen Vergnügens zusammenbauen. Am Ende ist jeder der hohle Mensch.


Fazit: Ein rasanter Blockbuster mit exquisiten Spezialeffekten und zynischem Witz, unter dessen perfekter Oberfläche ein hinterhältiger Kommentar zum Wesen des Blockbusters an sich lauert.



Hollow Man - Unsichtbare Gefahr
Kevin Bacon (nicht im Bild)

Wertung:
Redaktion: Redaktionswertung: 7/7
Leser: Durchschnittsleserwertung: 5.2931034482759

Schnellwertung:


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