Hardcoreporno oder feministisches Roadmovie?
Die feministische Drehbuchautorin und Regisseurin
Virginie Despentes 
, zugleich Buchautorin (Originaltitel "génération zéro"), drehte mit Co-Autorin und Co-Regisseurin
Coralie Trinh Thi 
wohl den umstrittensten Film des Jahres. Während
baise-moi wegen der realistischen Sex- und Gewaltszenen in den Kinos Frankreichs verboten wurde, können manche feministischen Kreise kaum genug von diesem Film bekommen. Verdient der Film mehr, als in einem Regal voller Hardcore-Pornofilme im Sexshop zu verschwinden?
1995 gab Despentes ihre Tätigkeit als Verkäuferin in einem Lyoner Sexshop auf, um ihr Skript von
"génération zéro" zu veröffentlichen. Das Buch wurde ein Bestseller, galt aber als unverfilmbar, worauf sich die Fünfundzwanzigjährige selbst auf die Suche nach möglichen Darstellern für den Film machte. Anderson und Lancaume, beide Schauspielerinnen aus der Pornoszene, beeindrucken mit ihrer Darbietung auch die abgebrühteste Filmgeneration. Dabei gibt Despentes ihr Buch wörtlich wieder (mit Ausnahme der Ermordung eines Kindes, welches durch ein Massaker in einem Sexclub ersetzt wurde). Eine neue Generation wird vorgestellt: die "Generation Zero". Diese ist längstens an Brutalo-Filme aus Hongkong gewöhnt und verlangt nach mehr. Viel mehr. Obwohl vor allem Männer die Opfer zweier auf der Reise wildgewordener Frauen sind, wirkt Thelma und Louise wie ein langweiliger Dia-Abend dagegen, und auch
Natural Born Killers 
wirkt im Vergleich mit Baise-moi wie ein familienfreundlicher Kinderfilm.
Coralie und Despentes wurden bei den internationalen Filmfestspielen von Locarno für einen Goldenen Leoparden nominiert. Mehr über die Macherinnen von
Baise-moi findet man auf der französischsprachigen Site
www.baisemoilesite.com 
.
Doch kann der Film als Pornographie bezeichnet werden?
Pornographisch ist ein Film, welcher objektiv einseitig darauf angelegt ist, den Zuschauer sexuell aufzureizen und den Genitalbereich übermässig betont. Die sexuelle Handlung ist aus ihren menschlichen und emotionalen Bezügen herausgetrennt und aufdringlich in den Vordergrund gerückt. Was jedoch juristisch klar definiert zu sein scheint, wird in Baise-moi wieder verwischt. Einerseits wird ganz klar der Genitalbereich übermässig betont, doch geschieht dies in einer derartigen Weise, dass gleichzeitig klar provoziert und schockiert werden soll. Und dennoch hat der Film eine klare Aussage: Manu und Nadine gehen ohne Ethik und Gewissen gegen eine omnipotente männliche Gesellschaft vor. Sie sind die Antihelden, welche in der Zeit der braven Hollywoodfilme wie Shanghai Noon genau gegen den Strom von Tugend und Moral schwimmen, so dass Baise-moi durch seine anarchistische Botschaft wirkt.
Baise-moi folgt der Tendenz der französischen Literatur, welche fortlaufend das Individuum gegen die Gesellschaft antreten lässt. Im Gegensatz zu Natural Born Killers, wo die Familien für den Amoklauf des Pärchens verantwortlich sind, wird in Baise-moi nämlich klar die (männliche) Gesellschaft für das Durchdrehen der Charaktere verantwortlich gemacht. Denn die Männer hörten deren stumme Schreie der Verzweiflung nicht, welche immer lauter wurden, und schließlich in einer Mordwut gipfelten. Würden jedoch zwei Männer denselben Trip mit Sex, Drogen und Gewalt machen, wäre dies bloss ein ganz alltägliches Road-movie der eben etwas extremeren Sorte. Doch speziell an Baise-moi ist eben gerade, dass es nun die Frauen sind, welche ganz gewöhnlich, unbeschwert und als mordende Irre nicht zu enttarnen sind. Man könnte im Bus neben ihnen sitzen und würde nichts ahnen. Dadurch, dass es alltägliche Frauen sind, geraten wir in eine völlig neue Situation: plötzlich könnte jede eine brutale und hemmungslose Wahnsinnige sein. Auf dem Heimweg vom Kino kamen mir vor allem die Frauen zu zweit verdächtiger denn je vor.
Ein wichtiges Element, um Baise-moi so richtig zu erfassen, ist die Kameraführung. In einigen Szenen wackelt die Kamera so wild wie in
The Blair Witch Project 
und zeigt die Darsteller aus einer Perspektive, als ob man neben ihnen stehen würde. In anderen Szenen wird man völlig aus dem Film herausgerissen, indem zuerst das Ergebnis der Brutalität gezeigt wird und erst daraufhin die eigentliche Gewaltszene. Dadurch wird man zuerst in den Film hineingeworfen und wieder herausgerissen, so dass die Grenze zwischen Film und Realität zu verschwimmen beginnt. Ebenso ausgezeichnet gelang die Filmmusik; von Beginn an fühlt man sich von den Rockrhythmen irgendwie mitgerissen, wird aber gleichzeitig durch ihre wilde Aufdringlichkeit abgestossen.
Der Film ist voller Hass und abstossender Gewaltszenen, wobei auch angenommen wird, dass bei einem Überfall die Dialoge zu stimmen haben, doch wäre es unethisch, sich den Text im voraus zu überlegen. Dass es unethisch sein könnte, überhaupt jemanden zu töten, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Erklärt wird immer wieder, dass man mit Sex und Drogen jegliche Gewissensbisse zum Schweigen bringen kann. - Ein Aufruf dagegen? Wohl kaum, denn obwohl Baise-moi provokativ und schockierend ist, vermindert der Film ebenso willentlich jegliche Moralvorstellungen.
Fazit: Durch die vor allem feministischen Interpretationsmöglichkeiten ist der Film mehr als nur ein Hardcoreporno. Doch da dies oftmals bestritten wird, stellt Baise moi einen kultig anmutender Film dar, welcher nichts für schwache Nerven ist.