Nord gegen Süd: In Italien bedeutet dieser Gegensatz eine mittlerweile weit über alle politischen Grabenkämpfe hinausgehende soziale und gesellschaftliche Trennlinie, die ihren Ursprung bereits in dem nach den Kriegsjahren rasant erfolgenden Aufbau des Landes hatte. Dabei entwickelte sich der Norden des Landes zu einem prosperierenden Teil der europäischen Wirtschaft, während der aufgrund seiner klimatischen und strukturellen Faktoren benachteiligte Süden hintanstehen musste. Die daraus resultierenden Einkommensunterschiede, verschieden hohen Verbrechensraten etc lassen diese Thematik zum Wohlwollen des Rezensenten nunmehr nicht nur Politiker aufgreifen, sondern mittlerweile auch die italienischen Filmemacher.
Speziell
Mimmo Calopresti 
, der bereits mit seinem Debütfilm “
La seconda volta” (1996) mehr als die Aufmerksamkeit der Kritiker auf sich lenken konnte, erweist sich auch in “Preferisco il rumore del mare” wieder einmal als scharfer Beobachter der Seele seiner Landsleute. War es in seinem Spielfilmerstling noch der staatliche und private Terror, so ist es nunmehr die Spiegelung des nicht nur geographisch bestehenden Widerspruchs im Kleinen: Durch die Konfrontation des wohlhabenden Luigis mit dem sturen und zugleich übertrieben stolzen Südländers Rosario verlegt Calopresti den Konflikt auf eine Ebene, die es dem Betrachter erheblich erschwert, sich dem Topos zu entziehen. Geschickt fängt er die rustikale vita einerseits und den großstädtischen Trubel andererseits ein und verdeutlicht die unterschiedliche Geschwindigkeit der Lebensstile auch durch entsprechende Kameraführung und Musik.
Formal zeigt sich Luigi als Hauptperson und
Ich-Erzähler, doch sind es in Wahrheit die beiden Teenager Rosario und Matteo, die dem Film seine Kraft und Emotionen geben.
Hier
Matteo als jugendlich-rebellischer verwöhnter Fratz des vielbeschäftigten Luigi, der die mangelnde Zuneigung seines Vaters und die ihn auffressende Langeweile durch Schulschwänzen, Mädchen und Gelegenheitsdienstähle auffrischen will. Dort der psychisch labile, in konservativen provinziellen Verhältnissen aufgewachsene
Rosario. Bereits beim ersten Zusammentreffen – Luigi lädt Rosario in seine Villa am Sonntagnachmittag ein – zeigen sich unüberwindbare Konflikte. Er sei nicht an das Leben dieser Leute gewohnt, meint der Junge aus Kalabrien zu seinem Mentor Don Lorenzo (gefühlvoll und zurückhaltend der Regisseur himself in einer Nebenrolle).
Keiner der beiden Sturköpfe ist bereit, etwas von sich aufzugeben. Man nimmt zwar Charakterzüge des anderen an – so beginnt Matteo sich für Literatur zu interessieren, und Rosario unternimmt mit dem Gleichaltrigen eine Shoppingtour – , doch letztlich ist dies nur Kosmetik auf einer nicht zu verrückenden Mauer aus Klischees und verinnerlichten Züge, die keinem der beiden die Möglichkeit gibt, aus ihrem
selbstgebauten Gefängnis zu entkommen. So erscheint es für die Beteiligten offenkundig, dass Rosario Luigis wertvolle Armbanduhr entwendet hat, während niemand Matteo verdächtigt. Calopresti gelingt es hie, durch eine dichte Zeichnung der Charaktere die Aussichtslosigkeit jeglicher gesellschaftlicher Bestrebungen des Gleichgewichts der zwei Welten zu verdeutlichen. Niemand ist wirklich bereit, von seiner Position abzurücken, auch wenn man mit der Haltung des anderen durchaus Sympathie empfinden mag.
Spätestens hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als gleite dem Regisseur dadurch die Story etwas aus der Hand. Da war doch noch was? Ach ja: Luigi, die tragische Figur, sozusagen der Clown der Posse. Er – gleichsam Laien-Richter – will für jeden nur das Beste, doch letztlich verursacht er nur Katastrophen und Leid. Nicht so sehr die gegenseitige Befruchtung als vielmehr die Besänftigung der beiden wilden Gemüter beabsichtigt der phlegmatische Luigi. Sein Scheitern ist vorprogrammiert.
Exemplarisch auch die Szenen mit seiner Geliebten Serena: Von Rosario aufgrund seines katholischen Weltbildes verachtet, ist sie es, die es als einzige in der Hand hätte, Luigi das Gleichgewicht zu verschaffen, das er sich so sehr für die anderen wünscht. Doch auch sie kommt nicht an seinem Schutzwall aus
Sturheit und
Uneinsichtigkeit vorbei. Seiner Mission folgend, wird er die Aussichtslosigkeit erst viel zu spät erkennen müssen.
Wie ein Fremdkörper bewegt sich da leider die Geschichte an der Nebenfront um illegale Machenschaften eines Mitarbeiters Luigis, für die er ahnungslos zur Rechenschaft gezogen wird, während sein Schwiegervater, der die Firma leitet, über diese Aktivitäten schon immer Bescheid wusste und auch duldete. Calopresti streift dieses Sittenbild italienischer Korruption, das sich auch hier wieder nicht im anonymen Milieu, sondern quasi um die Ecke abspielt, leider nur, ja vernachlässigt es derart sträflich, dass man diese Szenen im Nachhinein als nie wirklich dazugehörend empfindet.
Dennoch: Drehbuch und Leistung der Hauptdarsteller, von denen vor allem Michele Raso als zerrissener Landjunge hervorsticht, machen diesen Streifen zu einem
einfühlsamen und sehr
ruhigen Porträt des heutigen Italien, das fernab vom überzeichneten Genrekino einen besonderen Platz einnimmt.
Fazit: Ein eindringlicher Film über starke Charaktere, dessen pessimistische Aussichten nahtlos auf den Zuschauer übergehen.