Eine wesentlich schwerere Hürde als bei uns steht
The Grinch in Amerika bevor. Theodor S. Geisel alias Dr. Seuss ist nicht zufällig der erfolgreichste Kinderbuchautor des Erdballs - und
How The Grinch Stole Christmas kennt in Amerika (nicht nur) jedes Kind. Trotzdem hat es lange gedauert, bis eine Adaption fällig wurde - entsetzt von der Umsetzung seines Buchs
The 1000 Fingers Of Dr. T (leider kaum zu sehen, aber unter Kennern gilt es als ein absolut abgedrehtes Kultstück in der Kategorie "Kinderfilme: nicht für Kinder"), ließ sich Seuss zu Lebzeiten auf keinen Kinofilm mehr ein. Seine Witwe konnte man jetzt angesichts der tricktechnischen Fortschritte zu einer
live action-Version des berühmtesten Buchs ihres Mannes überreden - ein animierter TV-Kurzfilm aus dem Jahr 1966, erzählt von Boris Karloff, war bisher der Markstein (und ist in Übersee genauso Allgemeingut).
Bei uns wird sich das Buch allenfalls im Zuge der Marketingkampagne zum Film einbürgern (oder, was eher zu befürchten ist, das Buch zum Film) - insofern bleiben mühselige, oft irreführende Vergleiche mit der Originalversion glücklicherweise hinfällig (was man so hört, kommen nur der Grinch und Cindy wirklich im Buch vor) und, doppelt erfreulich, ist
The Grinch ohnehin ein Film, der für sich alleine gut genug dasteht.
Ins Innere einer Schneeflocke, zur salbungsvollen Erzählerstimme von Anthony Hopkins, durch glitzernde Kristalle führt uns die Kamera zu Beginn nach Whoville - und das ist ein Dekoralptraum, der sich sehen lassen kann. In den kreischend bunten Farben der 50er ersteht hier eine Ansammlung aus schiefen Linien, überflüssigen Accessoires (Milchhäferlhüte mit Zuckerstange!) und festförderndem Zierat, der schon ahnen lässt: Hinter den Biberzähnen und Igelnasen der ansonsten menschlichen Whos verbirgt sich auch ein dunkles Geheimnis. Das, um es kurz zu machen (und dem Kinderweihnachtsfilmanteil des Grinch zu erledigen), ist natürlich, dass die fröhlichen Gesellen vor lauter Prunk und Pracht schon lange das wahre Wesen des Weihnachtsfests außer Augen verloren haben. Am Schluss wird es ihnen scheinbar wie Schuppen von den Augen fallen, davor gibt es einen Kämpfer für das Gute, Wahre, Schöne, das da heißt: dem Spaßterror ein Ende. Dieser Kämpfer sieht aus wie ein modriger Bergschrat, ist grün im Gesicht und behaart überall und er heißt The Grinch.
Gespielt wird er von Jim Carrey, und das ist auch wichtig: Hinter Make-Up-Bergen und gelben Kontaktlinsen ist es nicht mehr leicht, frenetisch entfesselt das Chaos in die Wahnsinnsordnung (besonders schön: der gigantische "Fragile"-Stempel, der erbarmungslos die Pakete auf dem Fließband zermalmt) von Whoville zu bringen. Carrey, wie viele große Prediger der komischen Filmanarchie oft für seine überdrehten Verrenkungen gescholten, kennt selbst im Kostümgefängnis keine Beschränkung - und macht seinen eigenen Film im Film. Hochgeschwindigkeitspflicht, man hat ja einen beengten Zeitplan: Meckern über Weihnachten, neue Streiche aushecken und eventuell mal was Überraschendes einschieben - zum Beispiel: "5 o´clock: Solve world hunger." Kürzestkunstpause und wie für sich selbst hingemurmelt: "Tell no one." Ähnlich wie es beim Kollegen Tim Burton der Fall ist, an dessen Nightmare Before Christmas The Grinch nicht nur inhaltlich erinnert, ist Howards Film dann am besten, wenn die zahllosen versteckten Witze, der anarchische Zerstörungstrieb und das Bombardement mit Pop-Farben und -Zitaten ein Eigenleben führen, das den Gehalt des Films völlig unterminiert. Da tun sich Untiefen auf wie bei der Kamerafahrt auf die Zähne des Grinch, die in Großaufnahme die Käferchen zeigt, die zwischen den Lücken
herumkrabbeln.
Wie bei Burton bleibt das nur semi-anarchisch (natürlich wird hier am Ende alles gut, es soll ja doch auch ein Kinderfilm bleiben), aber bevor The Grinch in sein etwas zu zuckriges Ende schlittert, gibt es hier Irrsinn genug. Da werden schon mal kleine Kinder beiseitegestoßen, um in Zeitlupe zur Chariots Of Fire-Musik den Sieg im Cheermeister-Rennen davonzutragen und für Santa haben wir auch einen schönen Hiroshima-Vergleich: "Fat boy should be ready anytime now." Gerade dem zunehmend auf Mainstream setzenden Ron Howard hätte man das nicht unbedingt zugetraut, aber The Grinch wirft gelegentlich die Frage auf, inwieweit man nicht Carrey als Mitautor betrachten muss. In der wahnwitzigsten Szene des Film indoktriniert der seinen Hund zum Rentier: Regiestuhl her, Howard-Kappe aufgesetzt und ein Motivationsmonolog Marke Sportfilmtrainer um die Ohren geknallt. Nachdem das Opfer freudlos den Kopf schüttelt und so die rote Clownnase abwirft, kann er schon die ersten Gratulationen einfahren: Endlich Protest gegen die Konsumgesellschaft.
The Grinch macht es sich dadurch, ganz in der Tashlin-Tradition (der romantische Subplot scheint weniger aus Gewohnheit eingeschrieben als um dessen 50er-Pin-Ups zu huldigen), die er verfolgt, nicht leicht: Vor lauter Selbstparodie kommt sich irgendwann endlich die Aussage abhanden - am Ende müsste man sich angesichts der überwuchernden Seitenhiebe fragen, ob die Whos ihre Lektion auch wirklich gelernt haben, wo sie doch die Geschenke zurückbekommen haben, aber da ist das ganze System schon hoffnungslos unterminiert. Wenn man will: The Grinch ist damit auch explizit kein Kinderfilm, obwohl er explizit einer ist. Endlich Weihnachtsspaß für die ganze Familie.
Fazit: Mehr Tim Burton als Ron Howard - unter der süß-abgefahrenen Kinderoberfläche von The Grinch lauert die Anarchie, hauptsächlich in Gestalt von Jim Carrey.