Eines vorweg:
Enemy at the Gates ist ein Kriegsfilm. Personen werden getötet. Zum überwiegenden Teil wird das sehr drastisch - nicht übertrieben oder deutlicher als notwendig - aber deutlich dargestellt. Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin muss für sich selbst entscheiden, ob das erträglich ist.
Noch vor den Gewaltszenen ist das Erste, was buchstäblich ins Auge fällt, die geradezu unglaublich aufwändige Ausstattung.
Annaud 
hat im ehemaligen Ostberlin einen ganzen Stadtteil aufbauen lassen. Der wird im Laufe des Films von Explosionen heimgesucht und ist Schauplatz von Massenszenen mit Statisten. Das Gleiche gilt für Schützengräben und den Hafen von Stalingrad. Das ist wohl der Hauptgrund für die hohen Kosten des Films. Durch Aufnahmen von oben wirkt das Ganze stellenweise wie ein preisgekröntes Kriegsschauplatz-Modell (Tamiya-Fans werden wissen, was ich meine); allerdings im besten Sinn. Die Bauten sind wirklich erstaunlich, und die Schauplätze und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, werden voll ausgenützt.
Die Sorgsamkeit bei der Ausstattung macht sich ebenso bei den Details bemerkbar. All diese Dinge werden zumeist ganz behutsam ins Bild gerückt: Die Armbanduhr von Danilov, das russische schwarze Brett, die deutschen Bücher, das gebrochene Englisch der Deutschen - um nur einige wenige zu nennen. An dieser Stelle sei es empfohlen, sich den Film in der Originalfassung (Englisch war auch die Sprache auf dem Set) anzuschauen. Denn dann stellt sich deutlich heraus, dass zwar die Russen alle Englisch, die Deutschen aber - von Ed Harris einmal abgesehen - Deutsch sprechen. Auch die Funksprüche sind Deutsch. Wenn die Deutschen Englisch sprechen (also Russisch), dann mit deutschem Akzent. Diese Aufeinanderprallen von Sprachen verdeutlicht die Grenzen zwischen den Lagern und die feindselige Stimmung sehr gut.
Die Stimmung bringt uns zum nächsten, weniger erfreulichen Punkt - der Handlung. Das Drehbuch von Annaud und
Godard 
beruht auf einem Buch von William Craig, das wiederum die Lebensgeschichte von Zaitsev als Grundlage hat. Die Geschichte ist großteils durchaus stimmig - sieht man von der Intrige Danilovs ab -, aber es fehlt an Höhepunkten. Spätestens nach dem zweiten Auftritt von Tania und dem ersten von Major König ist klar: Vassili wird sich verlieben und den Deutschen besiegen. Dass es dazwischen noch ein paar brenzlige Situationen geben wird, ist ebenso absehbar wie der hohe Preis, mit dem der Sieg erkauft werden wird: Einige der Personen, die Vassili nahe stehen, werden getötet werden. Jetzt macht sich bemerkbar, dass der Film mit über zwei Stunden zu lang ausgelegt ist. Es kommt wiederholt zu Auseinandersetzungen, man lauert einander auf und wird einander nicht richtig habhaft. Das Ende des Duells kommt dafür um so plötzlicher.
Dabei gibt es durchaus interessante Szenen. Spannend ist die erste Begegnung von Danilov und Vassili. Lustig sind fast alle Szenen, in denen
Bob Hoskins 
auftritt. Am berührendsten ist wahrscheinlich jene, in der Koulikov über sein Leben erzählt. Überraschend ist die sehr drastisch dargestellte Sexszene zwischen Tania und Vassili. Sie macht die Leidenschaft der beiden füreinander aber bei weitem nicht so deutlich wie der Dialog eine Szene davor.
Das Ende des Films wirkt allerdings ganz abgehoben vom Rest; nicht nur, weil es zwei Monate später spielt. Es wirft Fragen auf: Wie geht es mit Tania und Vassili weiter? Wo sind sie in zwei Jahren? Wo in zwanzig?
Das Ende führt zum Abspann und in diesem ist die Titelregie wirklich zu bemängeln: Die Texte stehen teilweise in einem Winkel von 90 Grad zueinander und sind somit kaum lesbar. Die Ausgestaltungen von Ab- und Vorspann passen nicht zueinander: Während zu Beginn mit einer Schriftart gearbeitet wird, die ohne weiteres für Actionfilme aus den achtziger Jahren verwendet werden hätte können, ist der Abspann mit der Farbgebung und der Schriftart modern und fast psychedelisch anmutend.
Über die sonstige Regie gibt es nicht viel zu sagen: Solide Arbeit. Es stimmt einfach alles. Die Kameraführung ist nicht besonders anregend oder neu, sondern ganz der Erzählung unterstellt. Doch, wie schon festgestellt, gibt die eben leider nicht allzu viel her.
Ähnliches lässt sich bei der Musik feststellen: Sie unterstreicht die Handlung, an manchen Stellen macht sie die ohnehin schon vorhandene Melodramatik aber zu deutlich hörbar.
Von der Melodramatik ist es ein kleiner Sprung zu den Schauspielern und Schauspielerinnen - schließlich haben in der russischen Armee auch Frauen gekämpft.
Obwohl fast ausschließlich sehr bekannte Personen auf der Besetzungsliste stehen, fallen die Leistungen und Entfaltungsmöglichkeiten unterschiedlich aus: Jude Law wirkt meist, als hätte der Regisseur gerade "Action" gerufen. Am überzeugendsten ist er, wenn er auf der Lauer liegt oder sich gegen das von Danilov geschaffene Bild des Scharfschützen wehrt. Joseph Fiennes portraitiert "seinen" Charakter, den schöngeistigen und idealistischen Juden, besser, macht aber meist den Eindruck, als hätte ihm jemand Farbe ins Gesicht geschmiert (was ja hier auch der Fall ist). Bob Hoskins als Nikita Chruschtschow ist wunderbar. Wie so oft hat er eine viel zu kleine Rolle. Ed Harris spielt einzigartig und souverän wie er es fast immer macht. In gewisser Weise ist seine Rolle eine sehr dankbare. Das gilt auch für die von Rachel Weisz gespielte, die dies aber ungeachtet dessen hervorragend macht. Auch Gabriel Thomson, der den Knaben Sasha spielt, ist sehr gut. Allerdings fällt bei ihm sein hervorragendes Englisch unangenehm auf. Bleibt noch
Ron Perlman 
. Er wird auch hier auf den Typ beschränkt, den er noch in fast jedem Film verkörpert hat: Das entstellte, missverstandene Monster mit dem guten Herzen.
Die Deutschen - von denen manche auch Russen spielen - haben nur Nebenrollen. Sophie Rois als Scharfschützin hat eigentlich nur die Aufgabe zu sterben. Einzig Eva Mattes als Frau Filipov hat ein bisschen mehr Text als die anderen.
Aber schon nach der dritten Szene ist klar, dass der Film ohnehin nicht darauf ausgelegt ist, von den Schauspielern getragen zu werden.
An Botschaften bietet der Film nicht Neues: Kriege, auch der zweite Weltkrieg, sind furchtbar und fordern viele Opfer. Grausamkeiten passieren auf beiden Seiten und an den "eigenen Leuten". Weiterleben heißt, die Hoffnung nicht aufgeben, selbst nach dem Verlust von geliebten Menschen. Kommunismus hat real nicht funktioniert. Und - das wird in der Traumsequenz noch einmal ganz deutlich - Helden werden gemacht, nicht geboren.
Dass Vassili zum Helden gemacht wird, ist aus dem Erzählblickwinkel heraus verständlich. Unverständlich hingegen ist, dass nicht hinterfragt wird, ob jemand zu feiern ist, der Menschen aus dem Hinterhalt erschießt. Denn hierin sind Zaitsev und König einander gleich.
Zumindest auf der Ebene zwischen Film und Publikum müsste dies thematisiert werden. Stattdessen fragt Sasha stellvertretend für alle: "Wie viele waren es heute?". Anfang des dritten Jahrtausends darf man sich gerade bei einem Kriegsfilm eine etwas kritischere Auseinandersetzung mit dem Thema wünschen.
Zusammenfassend lässt sich über
Enemy at the Gates sagen: Wir haben einen weiteren Kriegsfilm über Stalingrad, der uns das Einzelschicksal eines "Volkshelden" näher bringen möchte. Ein solider Film mit guter Ausstattung und guten Schauspielerinnen und Schauspielern, aber einer zu flachen und damit schleppenden Handlung.