"At long last I dream of peace. At long last I sleep with hope. At long last the continents change. At long last god is in his place. So pay attention." - Swell, At Long Last.
"We´ll all die. Hehheheheheheh." - Yamamoto
Blau, die melancholische Farbe, der Yves Klein ein Gemälde (und der blinde Derek Jarman darauf basierend einen noch traurigeren Film) gewidmet hat, liegt schon am Anfang als Farbton über den Bildern dieses Films. "Beat" Takeshi Kitano, vor einem Auto, in verkipptem Winkel. Die Schräglage ist unvermeidlich: es gibt nur eine Richtung - die Abwärtsbewegung in den Tod. Takeshi Kitano, so ziemlich genau einer der drei größten lebenden Regisseure, schlägt wieder einen Kurswechsel an: Auf das heiter-melancholische Road-Movie
Kikujrios Sommer folgt jetzt sein kältester, nihilistischster Film:
Brother, der endgültige Totpunkt in der Fortschreibung seiner japanischen Yakuza-Meisterwerke.
Zugleich ist
Brother die Geschichte eine kulturellen Entfremdung: Nachdem sich Kitano das Filmreich Japan untertan gemacht hat (man denke nur an die fröhliche Selbsterniedrigung seiner Kandidaten in der DSF-Gameshow
Takeshis Castle), wird jetzt auch Amerika infiltriert.
Brother erzählt eine logische Unmöglichkeit: Wie der Ehrenkodex der Yakuza nach Los Angeles gebracht und dort erstaunlich reibungslos integriert wird. Plötzlich hacken sich auch die Latinos und Mexikaner brav die Fingerkuppen ab und gehen bereitwillig für ihren Vorgesetzten in den Tod. Auf seine Art ist Kitanos neuer Film damit auch die noch bessere, weil illusionslosere Variante von
Jim Jarmuschs 
eindrucksvollem Multikulti-Sampler
Ghost Dog - Der Weg des Samurai 
. Adaptiert dort
Forest Whitaker 
den Samurai-Lebenswandel als mögliche Existenzphilosophie in einer Gangsterstory, verläuft der Weg hier umgekehrt: Der unvermeidlichen Gangsterstory wird ein ritueller Kodex aufgesetzt, zu dem keine Alternativen mehr existieren müssen. Kitano denkt den Reiz des (männlichen) Zynismus in seiner popkulturellen Anwendbarkeit konsequent zu Ende: Jeder Weg zum Geld ist ein guter Weg, so lange er funktioniert. (Einmal sieht man unvermittelt einen Obdachlosen ein Schild in die Kamera halten, in der er anbietet, sein Rad gegen eine Limousine zu tauschen. Vielleicht die schärfste Kapitalismuskritik in einem Film der letzten paar Jahre, insbesondere, weil sich der Sinn erst gar nicht erschließen will: Zuerst wirkt es wie ein weiterer großartiger Kitano-Sight Gag.)
Brother könnte auch
The Way Of The Yakuza heißen.
Die Erzählung ist - wie immer beim Regisseur - von einem berauschenden visuellen Einfallsreichtum und einer kaltschnäuzigen Verachtung für lineare Narration getragen. Brother beginnt mit Yamamotos Ankunft in Amerika und während der Konflikt der Kulturen in staubtrockenen komischen Einlagen präsentiert wird, erschließen plötzliche Rückblenden die Vorgeschichte. Kurz findet Brother dann zu so etwas wie einer klaren Struktur: Yamamotos Annäherung an seinen Bruder, vor allem aber an dessen Freund Denny, während er das Kartell annektiert, sorgen für eine geschlossene Erzählung. Beim ersten Aufeinandertreffen sticht Yamamoto übrigens dem ihn anpöbelnden, ihm noch fremden Denny eine zerbrochene Flasche ins Gesicht. Ein Auge ist dann eine Zeitlang verbunden: Denny muß erst sehen lernen, wie Yamamotos Welt funktioniert. (Aus gegebenem Anlass – Dennys erster Auftritt - sei hier trotz der gewohnt wortkargen Inszenierung auf das Teufelswerk der deutschen Synchro-Fassung hingewiesen: Nicht nur kommt es wieder einmal zu recht unpassenden Wechseln in den Farbklängen, wenn die japanisch gesprochenen Sequenzen untertitelt bleiben, während die im Original amerikanischen Dialoge mit anderen Stimmen synchronisiert sind, vor allem befleißigt man sich bei den Gang-Mitgliedern einer hingeschluderten B-Videotheken-Harte-Kerle-Gossen-Slang-Diktion, die vor allem Omar Epps´ zentralen, großartigen Schlussmonolog ruiniert.) Aber gut ab der Hälfte des Films hört der Plot von Brother konsequent auf, in herkömmlicher Weise Sinn machen zu wollen. Ab dann werden nur noch die bei Kitanos Gangsterfilmen immer zentralen Topoi von Warten/Spielen und Töten/Sterben in immer neuer, vielfältiger Form variiert.
Brother enthält mehr Gewalt und ist noch kälter als jeder bisherige von Kitanos Filmen: Das erzählt nicht nur von der Ankunft in einer fremden Welt (es ist die erste US-Koproduktion seines Regisseurs), sondern mehr vom überwältigenden Nihilismus, der im Herzen dieser Verzweiflungstat steckt. Brother ist eigentlich die Erzählung von Yamamoto, einem lebenden Toten, der aber nur nach seinen eigenen Regeln zugrunde gehen will. Auf dem Weg dorthin nimmt er praktisch alle anderen Figuren des Films mit. Obwohl auch hier wie in seinen anderen Filmen Kitanos knochentrockener Witz und ein melancholischer, wunderschöner (diesmal leicht jazziger) Score Joe Hisaishis ein Gegengewicht zum Sterben bilden, nehmen (Selbst-)Hinrichtungen überhand wie kaum zuvor. Die Todesarten und die haarsträubend genialen Verknappungen, Stilisierungen und Verfremdungen (einmal werden einem Attentäter Stäbchen die Nase hochgerammt: als Einstellung aus seiner Sicht, wo zum Geräusch des tödlichen Schubs Blutflecken die Kameralinse beschmieren) bleiben trotzdem vor allem eines: erschreckend sinnlos. Nichts beschreibt das so gut wie der Ausdruck leerer Überraschung auf dem Gesicht von Kitanos bewährtem Mitstreiter Susumu Terajima, nachdem er sich als Loyalitätsbeweis für seinen Meister nach einem erstaunlich sicheren und gelassenen Monolog abrupt das Gehirn aus dem Kopf gepustet hat.
Den unvermeidlichen Tod, den Kitano hier immer wieder inszeniert (als Schriftbild aus Leichen vor dem Basketballkorb, der vorher für ein paar der komischsten Einlagen sorgte, als Lichtstrahlen durch eine Tür, die von Kugeln zersiebt wird, als kaputte Puppe vor einer nicht einzusehenden Wohnung voller unschuldiger Opfer), stellt Kitano aber ein Entkommen gegenüber. Einem bereitet er den Weg in eine mögliche Zukunft, die Yamamoto nie haben wollte/gehabt hätte. Der erkennt es erst am Schluss: "I love you brother, wherever you´re at", schreit er seinem längst in den Tod gegangenen Wohltäter nach. Das Blau kriegt er trotzdem nicht aus dem Bild.
Fazit: Die schreckliche Schönheit des Sterbens. Ein weiteres Meisterwerk vom Hohepriester auf dem Giebiet, Takeshi Kitano.