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In dem Film Rosetta, für dessen Drehbuch und Realisierung die beiden Regisseuren Jean Pierre und Luc Dardenne verantwortlich zeichnen, erfährt man vom früheren Leben der Protagonistin nicht viel. Man kann nur Mutmassungen darüber anstellen, warum sie keine Frau ist, die äußere Missstände ihres Lebens als Zeichen der eigenen Unzulänglichkeit betrachtet. Sie hat irgendwann für sich erkannt, dass sie sich nur mit ihrer eigenen Willensstärke aus der tristen und verarmten Umgebung, in der sie sich befindet, befreien kann. Sich in eine Welt befreien, wo geregelte Arbeit als Grundlage für das Existent-Sein in der Gesellschaft Voraussetzung ist. Die Orte aus denen sie ausbrechen will, sind sehr beengte, ständig nasskalte Lebensbereiche, wo sie sich mit einfachsten Mitteln Überlebensstrategien zurechtgemacht hat. Eine Dose voller Würmer hat sie immer mit dabei, damit sie die ausgelegten Forellenfallen nachbestücken und hie und da auch ernten kann. In einem Steinloch versteckt sie ihre "guten" Schuhe, und zieht, wenn sie von ihren kurzen Arbeitsverhältnissen wieder nach Hause kommt, die Gummistiefel an, um beim nächsten Eintritt in die begehrte Welt nicht den zähen Sumpf ihrer Herkunft zeigen zu müssen. Ihre Schmerzen im Unterleib bekämpft sie mit Aspirin und der Wärme eines Handföns. Man kann annehmen, dass sie fremde Hilfe aus Angst vor den dafür erwarteten Unterwürfigkeiten ablehnt. Sie will arbeiten - und das zunächst mit ganz lauteren Mitteln. Die Dardennes, die für diesen Film 1999 die Goldene Palme (bester Film) erhalten haben, beginnen mit einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Flucht Rosettas vor dem Arbeitgeber und vor der Polizei (aufgrund ihre Weigerung, die Kündigung zu akzeptieren) - eine hyperdynamische Kameraführung, die das Geschehen hautnah miterlebbar machen soll, wählen sie dabei als Stilmittel. Man fühlt sich gleich von Beginn an in den Film hineinkatapultiert - und so schnell kommt man von diesem Gefühl nicht weg. Die ruhigen Passagen, in denen sie mittels Großaufnahme wassertrinkend im Bus beobachtet wird, sind nur Auftakt zu weiteren beunruhigenden Szenen, in denen man mehr über ihre verheerende Beziehung zu der Mutter erfährt. Die beiden Regisseure äußerten sich in einem Interview, dass sie eine Stimmung erzeugen wollten, die mit Kafkas Schloss vergleichbar ist. Je mehr Anstrengung und Radikalität sie zur Veränderung der Situation aufbringt, desto hoffnungsloser wird sie für Rosetta. Man hat den Eindruck, dass alles was sie sagt, einem reinem Zweck, dem der Selbsterhaltung, untergeordnet ist. Um Geld zu verdienen, Arbeit zu bekommen, eine Waffel zu kaufen und die Mutter vor dem Trinken abzuhalten. Diese Umkehrung der Mutter-Tochter-Position bedingt die Härte, die sie ausstrahlt. Ihre Hilflosigkeit bricht jedoch einmal in Form ihrer Sprache hervor, nachdem sie bei einem Streit über eine Spirituosenflasche von der Mutter in den schlammigen Teich gestoßen wird und sich selbst überlassen bleibt. Auch in den Szenen, in denen sie mit Riquet Waffeln isst und Bier trinkt, bewegt sie sich in ihrem Verhalten langsam und starr hin zu einem anderen Individuum. Männlich stereotype Codes werden an ihr sichtbar - die Szene, in der sie wortlos eine ganze Flasche Bier in einem Zug leert oder wie sie von Riquet erste Tanzschritte lernt, haben schon etwas sehr berührend Komisches an sich.
Der Film hat in Hinblick auf Rosettas aufbrechende Kommunikationsformen sehr schöne Momente produziert. Die Welt, in der sie sich Arbeit verschaffen will, hat gar kein Interesse an ihr. Was ihr bleibt, ist der Verrat am Freund. Diese grundsätzlich rigide Aufteilung in Gut - Böse hat angesichts der Nullinformation über diese Menschen von Liege schon etwas Märchenhaftes an sich, wodurch ich mir gewünscht hätte, dass mehr solche verstörend schöne Bilder bezüglich der Interaktion mit der Welt draußen gemacht worden wären. Und von Rosetta, von der man nicht weiß, warum sie so hart geworden ist, wie sie ist, bekommt man den Eindruck, dass in ihrem nicht-erzähltem Leben wichtige Schlüsselmomente passiert sein müssen, die in diesem Film nicht zur Sprache kommen. Dieser Film hat ja auch natürlich eine politische Dimension und von daher ist die Welt draußen zu wenig thematisiert worden. Noch hinzu kommt, dass sich die beiden Regisseure der Sprache des sogenannten Realismus bedienen, und dadurch nicht gewillt zu sein scheinen, die filmischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Der Film erhält dadurch einen sehr dogmatischen und totalen Anspruch.
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