Stellen wir uns in kindlicher Fantasie – eine solche benötigt man schließlich den ganzen Film lang – vor, sämtliches Merchandising und Marketing im Vorfeld dieses gehypten Leinwandzaubers wäre niemals da gewesen. Einfach weggezaubert.
Dann sollte hier – wie von Regisseur und vor allem der Autorin intendiert – eine möglichst werkgetreue Umsetzung eines an den wirtschaftlichen Erfolg einer “Pippi Langstrumpf” erinnernden Kinderbuchklassikers das Resultat sein. Doch die bittere Wahrheit lautet: Der Kontrast zur vorlauten, gegen erwachsene Konventionen rebellierenden Schwedin könnte gar nicht prekärer ausfallen. Da wie dort ging es um die Errichtung kindlicher Fantasien und Wunderwelten – wenn man so will, ein
Schlaraffenland im Kopf. Wo bei Pippi klugerweise das TV-Kleinformat gewählt wurde, entschied man sich bei Potter jedoch für die Breitwand.
Folglich liegt bereits in der visuellen Umsetzung der erste Hund begraben: Was mit der exakten Anlehnung an Rowlings von Details und Nebensächlichkeiten nur so wimmelndem Roman entschuldigt wird, entpuppt sich als
verkrampfte Verlangsamung einer ohnehin schon an Höhepunkten armen Geschichte. Da wird jeder Winkel von der Kamera aufgesogen, bis das Objektiv nichts mehr zu finden scheint und endlich die Schere vor dem Einschlummern rettet. Von der Vorgeschichte – Potters Verwandte entwickeln nie die exaltiert grimassierte Boshaftigkeit früherer Disney-Bösewichter (siehe etwa
Elliott, das Schmunzelmonster) – über das überzogene Quidditch-Spiel, dessen einziger Telos nur in der Beweisführung von Potters Auserwähltheit zu liegen scheint – bis hin zum vollends verkorksten Finish, das angesichts der von den Toten auferstandenen Eltern im Sumpf von spielbergschem Fantasygesülze zu ertrinken droht -, alles wird ausgewalzt wie ein überdimensionaler Strudelteig. Dass hier filmische Grundgesetze des
Tempos völlig
vernachlässigt werden, scheint Columbus, dem schon in seinen früheren Komödien
"Mrs. Doubtfire
" oder
Neun Monate der Tritt auf die Bremse immer näher lag als das kluge Hantieren mit Szenenabfolgen, kaum zu stören. Denn dort, wo Spannung durch Skript und Technik unterdrückt wird, setzt Zeremonienmeister
John Williams 
im Minimal-Nuancierungs-Stil ohnehin einen Fortissimo-Akkord drauf.
Das alles wäre unter Wahrung literarischer Identität noch akzeptabel, beschränkte sich Columbus nicht auf das
monotone Zitieren seiner
Blockbuster-Ideale, die er kaltschnäuzig mit einer Flut trockener Tricks aus der
Effektekiste zu verbergen sucht. Nichts da:
Indiana Jones haben wir schon zynischer gesehen und die von Mystiszismus getränkte
"Krieg der Sterne
"-Heroisierung eines Erlösers, der über die Menschen kommen möge, zerbricht bereits am
mangelnden Charisma Daniel Radcliffes 
, der im weiteren Verlauf nie eine Alternative zur vertrauenswürdigen und mitleidserregendem Gesichtsmaske, die er zu Beginn aufsetzt, findet.
Auch wenn Columbus immer auf der Suche nach Äquivalenz zu sein scheint, manche Szenen wirken wie ein
Fremdkörper im eigenen Film. Am deutlichsten tritt dies bei der Gegenüberstellung der ersten Unterrichtsstunden zur inneren Tragödie Potters zu Tage. Letztere wird schlussendlich so verwaschen, dass das 08/15-Grundthema des Buches “Freundschaft überwindet alle Hindernisse” keinen Moment glaubhaft transportiert werden kann und im exaltierten Gehabe eitler Jungdarsteller untergeht. Wo ein Funke von Spannung aufkeimen könnte, etwa bei der Begegnung mit einem riesigen Troll, scheitert jegliche innere Anteilnahme mit dem Geschehen an
vorhersehbaren Schablonen und
eintönigen Charakteren, denen jeweils nur ein Eigenschaftskärtchen umgehängt wird, das sie 150 Minuten lang um den Hals baumeln haben.
Zu allem Überfluss zwingt der Regisseur dort, wo man britischem Sense of Humour – ja, auch der kommt ansatzweise bei Rowling vor – seinen Platz hätte gewähren können (symptomatisch: Selbst Paradekomiker
John Cleese 
hat mal gerade 20 Sekunden Zeit, um sich ins Bild zu drängen), seinen Darstellern bierernste Mienen auf, die der ohnehin schon bizarr
neokonservativen Stimmung das Prädikat “geisttötend” aufdrucken. Sogar die bei der Autorin fröhlich hinausposaunte Moral von Zusammenhalt und Einheit – Hogwarts ist in Wahrheit nur die blumige Metapher für ein Internat, das die dortigen Schüler auf rechte Pfade führen soll – verkommt im Film zum Nebensatz. Dafür sorgen nicht zuletzt die
Seelenlosigkeit und
Arroganz, die den hölzern wirkenden Figuren eingeimpft wurde. Und wenn mal der Lichtschein einer interessanten schauspielerischen Erscheinung die sakrale Architektur der Schlosskulisse durchflutet, wie bei
Richard Harris 
zumindest ansatzweise der Fall, dann wird jegliche tiefere Durchdringung in Pyrotechnik aufgelöst.
Wie sagt Cousin Dudley so treffend: “36 Geschenke! Letztes Jahr hatte ich eins mehr.” Bescheidenheit war auch bei dieser misslungenen Umsetzung mehr Zier denn notwendiges Stilmittel zur
Vermarktung seines Devotionalienpaketes. Womit wir doch wieder bei der Marketingkampagne wären.
Fazit: Wer´s jedem recht machen will, macht´s schlussendlich keinem recht.