Sam Raimi versteht es Horrorfilme zu inszenieren – zum Beispiel solche bei denen viel Blut fließt. In den 80ern und frühen 90ern stieg er durch Filme wie
"The Evil Dead
" oder
Armee der Finsternis 
zur anerkannten Regiegröße des Horror-Genres auf. (Selbstredender Untertitel des letztgenannten Horror-Kalssikers:
Wenn du ins Mittelalter reist, vergiss die Kettensäge nicht!)
Mit seinem neuesten Werk versucht sich Raimi nun an einem artverwandten Genre. In seinem gekonnt inszenierten Psycho-Thriller dominieren subtile Spannungselemente gegenüber allzu blutigen Gewalteinlagen. Eine Leiche im See und ein Karten legendes Medium sind zwar nicht gerade thematische Neuerrungenschaften, doch gekonnt inszeniert und in ein intelligentes Drehbuch verpackt, vermögen sie allemal zu fesseln.
The Gift ist somit bei weitem erfreulicher als manch anderes Werk, das uns die Filmindustrie diesen Sommer so an die Leinwand warf. Verlor sich das Erbe der 80er Horror-Filme (
"Scream
",
Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast 
und zuletzt
"The Hole
") zunehmend in ästhetischen Spielereien und seichten Stories, so erscheint
The Gift hierzu als angenehme Alternative. Einerseits, da das Drehbuch – verfasst von
Billy Bob Thornton 
und
Tom Epperson 
– bis zu Ende vielerlei Optionen offen lässt, andererseits, da es Raimi gelang, klassische Horror-Ästhetik zu transponieren ohne dabei ins eben angesprochene Post-Splatter-Fettnäpfchen zu steigen.
The Gift folgt einem anderen Prinzip: malerische Holzhütten-Ästhetik und beschauliche Landschaften dominieren gegenüber grellen Blitzen und (zu) rasanten Schnitten. Lediglich der kühle Farbton evoziert bedrohliche Stimmungen, die im Kontrast zur sonst so heimeligen Atmosphäre stehen: Hinter jedem von Raimi inszenierten Gartenzaun könnte ein Kettensägen-Mörder warten...
Auch durch seine – für einen Film – ungewöhnliche Protagonistin zeichnet sich
The Gift aus.
Cate Blanchett 
gibt eine allein erziehende, mental belastbare Mutter, die notfalls auch einem vor Wut schäumenden
Keanu Reeves 
die Stirn bietet. Dieser Umstand unterscheidet Raimis Film nicht nur von der breiten Masse, sondern lässt ihn auch moderner und vor allem sympathischer wirken.
Dennoch kommt das Endprodukt dann nicht ganz kantenfrei über die Leinwand. Das hat wohl vor allem mit den teilweise dürftigen schauspielerischen Leistungen der männlichen Darsteller zu tun. So meint es
Giovanni Ribisi 
mit der Darstellung des psychisch instabilen Automechanikers Buddy streckenweise wohl etwas zu gut, und
Keanu Reeves 
ist ohnehin ein problematischer Fall – wenngleich er in
The Gift weitaus besseres leistet als in seinen letzten Rollen. (Unvergessen die an Lächerlichkeit wohl kaum zu überbietende Darstellung des Business-Man in der Beziehungs-Schnulze
"Sweet November
".)
Alles in allem revitalisiert
The Gift einen Typ Film, der bereits Gefahr lief in Vergessenheit zu geraten. Gleichzeitig stellt er einen angenehmen Abschluss des diesjährigen Kinosommers dar. Wer jedoch auf
den Suspense geladenen Psycho-Thriller des neuen Jahrtausends wartet, wird sich wohl dennoch etwas gedulden müssen.