Der französische Regisseur Georges Franju  , der zusammen mit Henri Langlois die Cinemathèque Francais gründete, schuf mit Les yeux sans visage einen der ersten wegweisenden Horrorfilme. Um zunächst von den sogenannten „Schockern“ zu sprechen - sie sind spärlich, aber gezielt und wirkungsvoll eingesetzt. Die an Abbildungen von medizinischen Lexika erinnernden aneinandergereihten Stills, auf denen Christianes Gesicht die Stadien des Abstoßungsprozesses zeigt, verdeutlichen diese strikte Ambivalenz, die der Vater gegenüber seiner Tochter einnimmt. Er sieht sie zum einen als sein persönliches medizinisches Versuchskaninchen – auf der anderen Seite ist der Grund für seine Taten auch ein altruistischer. Der Trickeffekt des Vorganges der „Gesichtsabnahme“ einer entführten Frau wirkt vergleichsweise plump und durchschaubar – bei diesem Vorgang steigt jedoch in einem kurzen Moment das Gefühl der maßlosen Ungerechtigkeit, die den Opfern widerfährt, hoch.
Diese Figur des vom Größenwahnsinn befallenen Arzt ist vielleicht zu vergleichen mit Charakteren wie Mabuse oder Caligari, wobei die Mimik und das Spiel von Génessier weit weniger expressionistisch angelegt sind als bei seinen beiden Vorgängern. Hinter seiner ruhigen, ernsten Art kann man jedoch in Ansätzen den Druck erahnen, den er angesichts seiner Verbrechen verspürt. Oder ist der Grund dafür doch in der Schuld beim Verkehrsunfall
und in der Tatsache seines dauernden chirurgischen Versagens zu suchen? Die Manifestationen der Liebe zu seiner Tochter lassen ihn manchmal flüchtig sympathisch erscheinen – im nächsten Moment kippt dieses Gefühl und Pierre Brasseur erscheint als selbstsüchtiges Monster, der keine Skrupel zeigt ,das Gesicht junger hübscher Frauen mit dem Skalpell zu zerstören. Sein durch biologische Familienzugehörigkeit bedingter Beschützerinstinkt zeigt sich Christiane gegenüber nur solange ihr Verhalten nicht seinen Plan zu hinterfragen scheint. War zu Beginn dieser Tragödie seine Reputation als integrer Bürger in Gefahr, so hat er im weiteren Verlauf seiner Verbrechen weitaus mehr zu verlieren: Die Gefahr des absoluten Ausstiegs aus der gesellschaftlichen Gemeinschaft. Es liegt nahe den immer wiederkehrende Verlust des Gesichtes von Christiane als metaphorisches Vor-Zeichen des endgültigen „Verlust des Gesichtes“ des Vaters in der Gesellschaft zu interpretieren.
Die durch ihre Isolation vereinsamte Christiane wandert in der Nacht durch die entlegene Villa – dabei ruft sie heimlich immer wieder ihren nichtsahnenden Bräutigam an - um wenigstens seine Stimme zu hören. Oder sie besucht die in den Zwingern eingesperrten Versuchshunde ihres Vaters denen sie sich verbunden fühlt. In diesen Momenten erzeugt dieser Film trotz seiner dramaturgischen Übertriebenheiten, die mehr theatralisch als filmisch wirken, einen kurzen Zustand von immenser Ausweglosigkeit. Die weiße Maske und ihr wallendes Gewand bedingen, dass Christiane die Bewegungen des Körpers verstärken muss, um ihr drohendes Zerbrechen auszudrücken. Das einzige menschliche Wesen, das sich neben dem Vater um sie kümmert ist Louise. Sie fühlt sich ihm gegenüber zu ewigen Dank verpflichtet, da er ihr einstmals entstelltes Gesichte retten konnte. Sie ist seine „rechte Hand“ – Operationsassistentin im heimlich eingerichteten Labor – Leichenbeseitigerin - Hausfrau – Opferbeschafferin. Ihr Mal, das an ihre frühere Entstellung erinnert, trägt sie unter einer mehrreihigen Perlenkrause. Zunächst scheint es so als ob dieses Geschmeide zufälligerweise dazu beiträgt diesem melodramatischen Spektakel ein Ende zu setzen. Die Autoren setzen jedoch glücklicherweise auf die Emanzipation von Christiane - auf einen gewaltsamen (fast poetisch anmutenden) Befreiungskampf, der für diesen Film als einzig konsequenter erscheint. |