Es gibt wenige Filme, die den Zeitgeist und die Verzweiflung einer Generation originalgetreu wiedergeben können.
"Ghost World
", den man als verspäteten
Generation X-Film bezeichnen kann, beherrscht diese Kunst perfekt. Nach dem gleichnamigen Kult-Comic von
Daniel Clowes 
inszeniert
Terry Zwigoff 
mit Hilfe des Autors einen Film, der lange nachdem man ihn gesehen hat, im Kopf bleiben wird. Hier stimmt einfach alles. Die Grundstimmung, die Charaktere, die Schauspielerleistungen und schließlich auch die Story, welche nur rudimentär vorhanden ist, um die verschiedenen Alltagssituationen der schrägen Typen in Clowes Universum zu umranden.
In Zeiten von dümmlichen Teenie-Komödien ist
Ghost World Balsam auf den Wunden des fleißigen und kritischen Kinogängers. Politisch unkorrekt und von der Gesellschaft angewidert lassen sich Enid und Rebecca über ihre Mitmenschen aus, welche - von durchschnittlich bis abgedreht - in allen Kategorien vorhanden sind. Enid ist dabei ein Charakter, der in der Tradition von
Beavis & Butthead, den
South Park-Gören,
Jay & Silent Bob, den
Simpsons oder dem
Dude aus
"The Big Lebowski
" das andere, nicht so heldenhafte und tolle, aber viel sympathischere Amerika zeigt. Ein Amerika voller schräger und gebrochener Typen, welche einfach keinen Anschluss an die Normalgesellschaft finden und ihn teilweise auch nicht finden wollen.
Ein Beispiel (neben der Hauptdarstellerin selbst) ist der schüchterne und zerbrechliche Seymour, der erschreckend gut von
Steve Buscemi 
dargestellt wird. Buscemi, der sich alleine schon wegen seines Gebisses dem Schönheitsideal Hollywoods verweigert, liefert hier eine oscarwürdige Leistung ab. Er schafft es nämlich, vergessen zu lassen, dass es sich hier um Schauspiel handelt. Er
ist Seymour. Wenn Sie aber glauben, Seymour sei eigenartig, dann haben Sie Doug noch nicht gesehen. Ein Charakter, der direkt aus einer
Beavis & Butthead-Folge entsprungen zu sein scheint. Er ist der Nunchaku-schwingende Vollprolet, der ohne T-Shirt und mit Vokuhila-Frisur den indischen (Apu?) Sidewinder-Mart Besitzer zur Verzweiflung bringt. Außerdem gibt es noch die ultraalternative Kunstlehrerin, den Mann, der auf einen Bus wartet, der nie kommt (oder doch?) und den Vater Enids, der scheinbar gleichgültig auf die Probleme seiner Tochter reagiert und auch nicht wütend wird, wenn sie sich die Haare wieder einmal grün färbt. All diese Charaktere wirken frisch und originell, obwohl wir sie in dieser Art in dem einen oder anderen Film schon gesehen haben.
Auch
Thora Birch 
(sowie dem Rest der Besetzung) muss man ein großes Lob aussprechen. Sie spielt die Rolle, die vor 8 Jahren mit Sicherheit von
Christina Ricci 
ausgefüllt worden wäre, nur dass Birch ihrem Charakter - im Gegensatz zu Ricci sonstigem Vorgehen - immer ein bisschen Verletzlichkeit beifügt. Was hilft es einem, wenn man die Gesellschaft hasst, wenn am Schluss keiner mehr da ist, mit dem man sich unterhalten und Spaß haben kann. So kommt es zu einem weiteren außergewöhnlichen Merkmal dieses außergewöhnlichen Filmes. Im Gegensatz zu so vielen anderen Filmen (wir kennen ja die Vorliebe der Amis, jedes kleinste Problem bis zum Ende des Films gelöst zu haben), verweigert sich
Ghost World diesem Schema. Auch das Leben bietet keine abgeschlossenen Geschichten und so mündet der Film in ein offenes, für viele sicherlich unbefriedigendes und trauriges Ende.
Aber genau diese offenen Enden tragen dazu bei, dass der Zuschauer nach dem Film sein Gehirn ein bisschen in Gang setzt. Dazu ist Film nämlich da. Er soll zwar unterhalten, jedoch sollte er immer ein bisschen Diskussionsstoff für nachher übrig lassen. Filme wie
Ghost World sind es wert, öfter als einmal gesehen zu werden. Sie sind all die Enttäuschungen wert, die man sich im Laufe eines Kinojahres antun muss. Schauen Sie sich diesen Film also unbedingt an, auch wenn er im Trailer sicherlich wieder als Teenie-Movie beworben wird.
Fazit: Bis jetzt das Beste im heurigen Kinojahr.