Auch wenn der Plot nach Trash klingt, hat
"The Queen of the Damned
" doch seine Qualitäten, die recht unterhaltsame 100 Minuten versprechen, zumindest für den, der einigermaßen Interesse am Genre aufbringen kann. Die Warner-Produktion erreicht zwar offensichtlich bei weitem nicht die Klasse des Vorgängers
"Interview with the Vampire: The Vampire Chronicles
", aber
Anne Rice´s 
Romantrilogie findet acht Jahre später ihre filmische Fortsetzung auf eine Art, die augenscheinlich eher auf die Befriedigung der niederen Instinkte des Publikums gerichtet ist: Den von einem Massenaufgebot an Hollywood-Stars getragenen Klasse des ersten Teils ersetzen hier der exzessive Einsatz von Spezialeffekten und mehr oder weniger oberflächliche Charaktere. Dass der Film darüber hinaus als großflächige Werbebühne für derzeit
angesagte Protagonisten der US-Goth/Rock-Industrie fungiert, wird der Kassentauglichkeit auch nicht abträglich sein.
Als zentrales Motiv verbindet beide Filme das Streben eines Vampirs aus der Einsamkeit: Aber während
Brad Pitts Louise de Point du Lac Erfüllung in der Beziehung mit
Claudia sucht, findet
Stuart Townsend 
die Anerkennung als "Gott" der heutigen Zeit - er wird Rockmusiker. Was auch den Vorteil eines schier unerschöpflichen Vorrats an Groupies, sprich Frischblut, hat... (dass die bedauernswerten Mädchen
zu spät feststellen, dass die Nacht einen anderen Höhepunkt als geplant finden wird, stört schließlich nicht). Man mag dem Film vorwerfen, dass er sich auf Oberflächlichkeiten wie die eben beschriebene Szene zurückzieht, übersieht dabei aber, dass er in keiner Phase darauf angelegt ist, eine Tiefe wie
Neil Jordans 
Epos zu erreichen. Die Gefühle des Vampirs, Einsamkeit bzw. das Überwinden derselben, sind hier nicht Gegenstand, sondern Stichwortgeber.
Regisseur
Michael Rymer 
inszeniert
"The Queen of the Damned
" dem gemäß mit Betonung auf ebenso gewohnte wie viel kritisierte Werte Hollywoods: visueller Glanz durch massiven Einsatz von Special Effects, polternder Soundtrack und eine auf Sex-Overkill gestylte Hauptdarstellerin.
Lars von Trier 
hätte seine helle Freude...
Wenn man daher nicht mit vom Vorgänger geprägten "falschen" Erwartungen in den Film geht (das herrlich ironische Intro nach dem Warner-Logo lässt dahingehend aber kaum Zweifel offen), weiß der Film auf dieser - zugegeben meist oberflächlichen - Ebene durchaus zu überzeugen. Das Set Design in allen Zeit- und Storyperioden ist wunderbar, die Schauplätze im nebelverhangenen London wirken fast "echt". Die Special Effects haben gemäß der (von mir unterstellten) Intention des Film diesen mitzutragen, was ihnen auch fast ausnahmslos gelingt. (Auf die Gefahr hin, dass sich der Schreiber dieser Zeilen damit als effekt-versessen outet: Die Sequenz im Londoner Pub "Admiral´s Arms" war schon sehr fein...) Nur manchmal scheint
Rymer 
die Kontrolle kurz verloren zu haben, was sich dann so äußert, dass das Geschehen auf der Leinwand leider ins Trashige abgleitet. So gibt es zwei oder drei Sequenzen, in denen die Effektprotzerei so übertrieben ist, dass es lächerlich wird - inklusive der offensichtlichen Zitate von
"Matrix
" und
"The Mummy
". Deren Kampf- bzw. Auflösungssequenzen (irgendwelcher Monster nämlich) dürften der SFX-Crew hier sehr gefallen haben...
Ansonsten gefällt das Gezeigte aber, und die genannten Schwachpunkte mögen als lässliche Sünde durchgehen. Insbesondere der Showdown während des Konzerts und schließlich der finalen Akt riefen spontane Beifallskundgebungen des Publikums hervor (ohne damit unterstellen zu wollen, dass dies ein Hinweis auf Qualität ist...).
Nicht nur hinsichtlich der Handlung selbst spielt der Soundtrack eine wesentliche Rolle - ohne die polternden Rhythmen im Hintergrund wäre das Geschehen sicher nur halb so eindrucksvoll. Die Musikrichtung mag zwar wahrlich nicht jedermanns Geschmack sein, aber hier erfüllen Marilyn Manson, Deftones & Co. ausnahmslos ihren Zweck. Ohne ein Vorurteil abgeben zu wollen, vermute ich aber, dass es sich bei
"The Queen of the Damned
" wieder einmal um einen jener Filme handelt, deren Soundtrack nur im Kino genießbar ist. Auf CD in der heimischen Anlage genossen, verliert die Musik ohne die Bilder so viel, dass die Hand unvermittelt zum Off-Schalter wandert: Beispiele gibt es zur Genüge.
Um nun auf die wirklichen Schwachpunkte - neben der bereits erwähnten, gelegentlich auftretenden Brustschwäche des Plots - einzugehen: An erster Stelle ist leider die Unglaubwürdigkeit mancher Charaktere zu nennen. Dass
Jesse, Forscherin in einer Londoner Okkultismusgesellschaft, plötzlich das Verlangen überkommt, die Unsterblichkeit zu erfahren, verwundert doch etwas und ist nicht ganz nachvollziehbar. Es wird zwar zum Ende versucht, das aus der Story zu erklären, aber überzeugend ist es trotzdem nicht: Zuerst ist sie die seriöse Forscherin, fünf Minuten später wirft sie sich Lestat an den Hals. Hier dürfte das Drehbuch wieder einmal stärker als die Logik gewesen sein...
Auch
Lestats und
Marius´ Verhalten zeigt an manchen Stellen Widersprüche: Warum bewahrt Marius, Vampir seit 200 B.C. und dementsprechend mächtig, die ägyptische Vampirkönigin bei sich auf? Wenn er sie vernichten wollte, wäre die Gelegenheit schon lang gegeben gewesen. Lestat hingegen scheint ein Faible für Sony-Kopfhörer zu haben - und seit wann empfindet ein Vampir Gewissensbisse beim Anblick von Leichen?
Allein Akasha ist in diesem Sinne in sich konsistent: Ihre Rolle ist von Anfang an so überzeichnet, dass ihr Auftreten eigentlich nur mehr surreal ist.
Besser nicht vertiefen sollte man sich in so manche logische Fragen, die sich in "technischer" Hinsicht auftun: Warum hat ein Vampir ein schlagendes Herz? Warum einen Blutkreislauf? Ist nicht Grundlage des Mythos, dass der Körper eines Vampirs tot ist? Und doch wird hier (und sicher nicht nur in
diesem Film) einem Vampir sein fröhlich schlagendes Herz aus der Brust gerissen, und wenn sie sich selbst aufschneiden, dann spritzt überaus frisch aussehendes Blut...
Als Fazit bleibt daher, dass
"The Queen of the Damned
" zwar einige deutliche Schwächen hat, vor allem hinsichtlich der Story und der Darstellung der Charaktere, visuell, akustisch und effektmäßig aber überzeugt. Angesichts der Tatsache, dass erstens die Negativpunkte im nachhinein zwar deutlich zu bemerken sind, aber während des Film das Erlebnis desselben (beim erstmaligen Genuss wohlgemerkt, dies ist kein Film zum Immer-wieder-anschauen...) nicht wahnsinnig stören, und zweitens dass mit
The Queen of the Damned ganz offensichtlich kein unvergessliches Werk der Filmgeschichte beabsichtigt war (angeblich sei ja zuerst eine direct-to-video Veröffentlichung geplant gewesen), wird keine schlechtere Wertung vergeben.
Interessierten des Genres ist der Film jedenfalls zu empfehlen.
In Memoriam
Am Ende sei darauf hingewiesen, dass es sich bei
Queen of the Damned um Aaliyahs letzten Film handelt. Kurz nach Ende der Dreharbeiten kam die 22-jährige, deren nächstes Gastspiel in "Matrix 2" gewesen wäre, bekanntermaßen bei einem Flugzeugabsturz im August 2001 ums Leben.