Eine breitwandgroße Wüste - und schon schiebt sich ein Gesicht vor die Kamera, das ebenso zerfurcht ist wie die Felsenlandschaft. Schöner als es
Leone 
in der Eröffnungseinstellung dieses Films tut, könnte man sein Western-Schaffen gar nicht auf den Punkt bringen. Aus der Totalen und der Nahaufnahme hat er seinen Stil der Extreme zusammengebaut: hier gibt es nur totale Zerdehnung oder Verdichtung - das dazwischen gehört dem klassischen Western.
Niemand rechnete mit dem internationalen Erfolg, als Leone mit
Für eine Handvoll Dollar 1964 die Ära des Italowesterns einläutete - zuallererst trug dem Leone selbst Rechnung, indem er die neue Geschäftsquelle gehörig auszumelken suchte. Binnen zweier Jahre vollendete er eine Trilogie (die allerdings nur durch den Regisseur und die jeweiligen wortkargen Helden Clint Eastwoods verbunden wurde): schon
Für ein paar Dollar mehr 
hatte jedoch angekündigt, daß Leone durchaus gewillt war, einen eigenen Stil zu entwickeln. Aus verwitterten Motiven des Westerns, dem Sarkasmus von
Akira Kurosawa 
Samuraifilmen
Yojimbo und
Sanjuro sowie dem Bombast der italienischen Oper setzte er seine Italowestern zusammen: schäbige Schauplätze und die schwelgerische Musik
Enio Morricones 
, unendlich währende Duelle und sarkastische Dialoge trafen sich zu einer neuen Form - der Western ist tot, lang lebe der Western. Nie wieder erholte sich das amerikanische Pendant von der Gewalt, Absurdität und dem neuen "Realismus" (der eher aus der Billigkeit der Fime denn aus Erneuerungswillen bedingt war), die der Italiener ins Genre brachte - und nirgends tat er es so ausgelassen wie hier.
Il buono, il brutto, il cattivo: als den Guten, den Bösen und den Brutalen bezeichnet der Film seine Hauptfiguren (nur für die Perspektive: jeder bekommt seine eigene Vorstellungsepisode plus Einblendung der Bezeichnung; charakteristischerweise für Leone genügt es, daß sich Eastwood die Rolle des Guten verdient, indem er Eli Wallach zum Sterben in der Wüste zurückläßt) - aber eigentlich sind sie nur verschieden niederträchtige Abstufungen des Kopfgeldjägers; Geld ist die einzige Triebkraft der Filmhelden und sie kennen keine moralischen Bedenken alles was im Weg steht mit allen Mitteln auszuräumen. Das war auch schon in den zwei vorigen Dollar-Filmen so, aber hier wird alles ins Gigantische überdehnt. Drei Stunden dauert
Zwei glorreiche Halunken in der italienischen Fassung, fast 160 Minuten in der englischen und deutschen Kinoversion (fürs Fernsehen wurde er nochmal gekürzt, da wird hoffentlich die jetzt erscheinende DVD Abhilfe schaffen) - Leone läßt sich Zeit. Ob epische Panoramaschwenks, die die Figuren auf Insektengröße reduzieren oder minutenlang ausgespielte, zur mitreißenden Musik Morricones kongenial montierte Close-Ups, alles geht in die Breite (und dadurch wirkt auch die letztendlich hervorbrechende Gewalt so plötzlich und komisch - der eigentliche Schußwechsel nach dem ewigen Niederstarren der Gegner ereignet sich in Sekundenbruchteilen).
Il buono, il brutto, il cattivo ist Western als Oper, inszeniert als
comedia de´ll arte - von den Filmen der Dollar-Trilogie hat er nicht nur die besten Gags und das ausgefeilteste Tanzmuster, nach dem sich die Charaktere umkreisen, auch die Figur des Tuco ist ein echter Gewinn. War es bisher so, daß die Hauptdarsteller in unbeweglichem
deadpan-Spiel unterkühlt aufs Treiben um sie reagierten (und ein paar barocke Nebenfiguren für das durchgeknallte Element sorgten), bietet Eli Wallachs überdrehte Darstellung den perfekten Kontrapunkt zu den regungslosen Mienen Eastwoods und van Cleefs; nicht wenige der lustigsten Momente des Films ergeben sich aus diesen unterschiedlichen Reaktionen.
Obwohl
Zwei glorreiche Halunken zweifelsfrei der beste und ausgereifteste Film der Dollar-Trilogie ist (und in dem Morricones Musik am weitesten ausholt: Kojotengeschrei, Peitschengeknall und Pfiffe formen die Grundlage seines packenden Scores, die lange Schlußszene am Friedhof etwa wird nicht zuletzt durch seine Musik erst so mitreißend), gibt es in ihm dennoch ein paar Momente, die sich nicht recht einfügen wollen. Vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs wirken die Untaten seiner Hauptfiguren des öfteren recht verzeihlich (ein bitterer Rückschlag für den Mann, der angeblich die Wertevorstellungen des Westerns zu Grabe getragen hat) und so mancher Akt der halbherzigen Nächstenliebe widerspricht der Konzeption der Charaktere. Hier leistet Leone schon den Vorbau für seine zweite Trilogie:
Spiel mir das Lied vom Tod 
,
Todesmelodie 
und
Es war einmal in Amerika 
tragen neben Leones charakteristisch opernhaften Stil auch eine Melancholie in sich, die von gesellschaftlichen Umbrüchen ausgelöst wurde - dort passen sie (mit Abstrichen beim zweiten Film) perfekt hinein, hier sorgen sie für eigenwillige Zwischentöne - wie Kaviar in einer ansonsten üppig zubereiteten Speckpfanne.