Selten hat ein
David-Lynch 
-Film so viel Ratlosigkeit bei mir zurückgelassen wie "Wild at heart". Das mag, um es vorwegzunehmen, zu einem Gutteil daran liegen, daß dieser Streifen von seiner Geschichte und seiner Idee, aber vor allem von den Möglichkeiten seines Regisseurs her ein enormes
Potential hat, das er jedoch nur zu einem Minimum zu nutzen vermag, was vor allem unter dem Gesichtspunkt der kreativen Kraft Lynchs einer Enttäuschung gleicht.
Dabei beginnt "Wild at heart" durchaus vielversprechend mit einem der
eindringlichsten und brutalsten Gewaltszenen überhaupt. Unter Heavy Metal Klängen (man beachte den geschickten musikalischen Wechsel von
Richard Strauss in der Titelsequenz über
Glenn Miller bis zu der
Speed Metal Band Powermad, die den extremen Stimmungswechsel perfekt offenlegt) führt Sailor seinen in Notwehrüberschreitung ausgeführten Totschlag an Bob Ray Lemon mit so viel Vehemenz und Entschlossenheit aus, daß man als Beobachter von Überraschung bis zu Abscheu alle Gefühlsstadien durchmacht. Die eindringlichen Bilder von
Frederick Elmes 
dazu, das hilflose Gesicht Lulas und ihre bedrängte, von Angst gezeichnete Mutter: Lynch gelingt in den ersten 5 Minuten bereits eine derart intensive Zeichnung seiner Charaktere, wie er es im gesamten restlichen Film nicht mehr schaffen sollte. Ohne viel über den weiteren Verlauf der Handlung zu wissen, sind die Rollen bereits klar abgegrenzt, die wichtigsten Personen eingeführt. Jede weitere Szene ist eigentlich nur mehr eine Fortführung dieser Eröffnungssequenz, sowohl was die Erzählweise als auch was die filmische Umsetzung betrifft.
Das Fatale ist jedoch, daß das Versagen des Films mit dieser Szene bereits quasi vorgezeichnet ist. Denn niemals wird Lynch seine bereits bekannten stilistischen Elemente wieder so gekonnt wie hier einsetzen können.
Der Grund?
Barry Giffords 
Romanvorlage. Als Produzent
Monty Montgomery 
Lynch um seine Meinung zum bereits fertigen Buch befragte, verliebte sich der Regisseur sofort in die
unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen den zwei jugendlichen Außenseitern Sailor und Lula und entschloß sich, "Wild at heart" zu seinem nächsten Projekt zu machen. Ab diesem Zeitpunkt war er bereits an den Inhalt des Buches gebunden, durfte ihn nur noch in seinem Sinne und im Sinne filmischer Notwendigkeiten abändern. Dem Regisseur schwebte dabei die Einführung einer
surrealistischen Ebene, gleich wie in seinen Vorgängerfilmen, vor. Doch durch die festen literarischen Vorgaben Giffords - im Gegensatz etwa zu "
Blue Velvet 
" oder "The Elephant Man", bei denen Lynch weit mehr Handlungsspielraum auch in inhaltlicher Sicht zur Verfügung stand - war es von Anfang an ein aussichtsloses Unterfangen, sich den Zwängen der Vorlage zu entziehen oder diese zumindest elegant zu umschiffen.
Daß Lynch krampfhaft versucht, seine eigene Linie hineinzubringen, erscheint dann auch durchaus ehrenwert, wirkt aber schon bald teils künstlich und aussichtslos. Fast möchte man meinen, in ihrer Ausdruckskraft einzigartige Szenen wie jene, als die beiden Hauptfiguren zu einem nächtlichen Autounfall stoßen und dort fassungslos ein plötzlich aus der Dunkelheit auftauchendes Mädchen (
Sherilyn Fenn 
, die Audrey aus "Twin Peaks") beobachten müssen, die sich beklagt, daß sie ihre Handtasche mit den Papieren nicht mehr finden könne - absurde Visionen der Apokalypse, wie sie später in "Twin Peaks" und "
Lost Highway 
" auf den Gipfel geführt werden sollten - seien im nachhinein in einen fertigen Film eingebaut worden. Nicht nur, daß an zumeist unpassenden Stellen
Lynchismen wie ein brennendes Streichholz fast bis zum Verdruß eingebaut werden, erstickt der Film beinahe am
übermäßigen Zitieren seiner Vorbilder, wie vor allem Lynchs Lieblingsfilm "The wizard of Oz". Beispielsweise wurde die gute Fee (
Sheryl Lee 
) direkt aus dem Märchenfilm übernommen, während
Jack Nance 
an anderer Stelle sagen darf, sein Hund erinnere ihn an den Hund Toto aus "The wizard of Oz".
Doch das
lineare Skript gestattet Lynch derartige Ausflüge in sein ureigenes Universum nicht. Zu strukturiert, zu vorhersehbar ist die Story. Statt der Einheit des Ortes, an die sich der Regisseur in seinen bisherigen Filmen immer geklammert hat, folgt hier ein Ortswechsel nach dem anderen. Motive wie das
Feuer als Sinnbild für die Hölle auf Erden werden verwendet, ohne ihnen wirklich Bedeutung zu verleihen. Lynch kommt über ein Kratzen an der vielzitierten Oberfläche nicht hinaus, nicht weil er seine Identität verloren hätte, sondern vielmehr, weil sich bei Gifford alles an der
Oberfläche und nichts darunter abspielt. Seht her, scheint der Autor sagen zu wollen, die Realität ist schlecht genug, es gibt keine Fassaden wie in "Blue Velvet" mehr, alles hat sich verselbständigt. Die Realität ist zu einer
Hyperrealität geworden. Dadurch wird Lynch aber zugleich jeglicher künstlerischen Stärke und Eigenständigkeit beraubt, weil er auf einer Ebene festgefroren ist, die zu durchdringen normalerweise seine Spezialität ist.
Oftmals verliert der Film dadurch seinen Weg, biegt in eine Nebenstraße ab, um erst später wieder auf den Highway aufzufahren. Dadurch verlieren sich Personen und Handlung. Das schmerzt umso mehr, als niemals wieder die Charaktere ein derart hohes Entwicklungspotential haben sollten als bei Lynchs fünftem abendfüllenden Spielfilm.
Doch gerade die Beziehung der beiden Hauptfiguren ist das beste Beispiel für die seltsame
Ambivalenz von "Wild at heart". Einerseits zeigt Lynch die bedingungslose Liebe von Sailor und Lula, die selbst dann, wenn alles um sie herum zusammenbricht, und die Spirale von Verbrechen und Intrigen ihre Schlinge immer fester um die beiden zieht, weiter an ihre gemeinsame Zukunft glauben; auch wenn stets die Killer, die Marietta ausgeschickt hat, hinter ihnen her sind und Sailor weiß, daß er seine dunkle Vergangenheit nie wird abstreifen können. Andererseits wirken die beiden, sofern sie nicht miteinander schlafen (und selbst dann!) - Lynch zeigt hier übrigen zum ersten Mal einen vollzogenen Geschlechtsakt - grausam unnahbar. Dem gegenseitigen Vertrauen folgt Mißtrauen, wenn etwa Lula Sailor über die Vergewaltigung durch ihren Onkel erzählt und meint, ihre Mutter habe keine Ahnung davon, während man in der Rückblende die Mutter schreiend dem Onkel nachlaufen sieht. Ein durchaus interessanter Ansatz, der einer Weiterentwicklung der Hauptpersonen harrt, doch wirken diese mit Fortgang des Film nur mehr wie
gefühlskalte Marionetten - als einziger Charakter mit Substanz entpuppt sich lediglich Johnnie Farragut (in einer Glanzrolle: Harry Dean Stanton), der jedoch vom Skript gnadenlos geopfert wird..
Lynch versucht sich aus diesem Dilemma herauszuwinden, indem er seine und andere Filme bis zur Lächerlichkeit zitiert, humoreske Elemente an falscher Stelle einbaut, womit diese fast vollständig ihre Wirkung verlieren.
Dem stehen auf der Habenseite einige der
faszinierendsten Szenen des Kultregisseurs überhaupt gegenüber. Wenn etwa Sailor für Lula in der Disco Elvis Presleys’ "Love me" anstimmt, dann erinnert das nicht zufällig an die Intensität der Gesangszene von
Dean Stockwell 
zu Roy Orbisons "In dreams" in Blue Velvet. Wie der Film überhaupt einen Großteil seiner (verbliebenen) Kraft aus dem perfekt zusammengestellten Soundtrack und dem Score
Badalamentis 
schöpft.
Oder die in ihrer Romantik unübertroffene Szene, als Lula, völlig wütend über die Tatsache, keinen einzigen Musiksender im Autoradio zu finden, durchdreht, Sailor daraufhin den richtigen Sender reinbekommt, und beide im Abendrot tanzen.
Letzten Endes kann auch die finale Schußwechsel-Sequenz, in der Bobby Peru - ebenfalls eine Rolle, die, selbst in Willem Dafoes Darstellung, viel zu konstruiert wirkt - von einem Cop das Hirn förmlich weggeschossen wird, nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier nicht zusammenpaßt, was nicht zusammengehört. Die vielzitierte Kraft des Guten und die Kraft des Bösen wirken nur mehr verwaschen. Am Ende gießt Lynch gleichsam trotzig noch einen Kübel voller
Kitsch auf die Leinwand, wenn Sailor zu seiner Angebeteten zurückkehrt und ihr das lange gewünschte "Love me Tender" singt, wie wenn der Regisseur das Ganze von Anfang an als
Parodie inszenieren wollte.
Für die weitere Karriere des amerikanischen Regisseurs war "Wild at heart" durchaus nützlich, wurde das Werk doch mit der
Goldenen Palme von Cannes belohnt, während es bei den Zuschauern und der Kritik geteilte Meinungen hervorrief. Vor allem wurde Lynch durch den fast völligen Verzicht auf jegliche Auslegungsmöglichkeiten eine Anbiederung an den Kommerz vorgeworfen. Tatsächlich war der Regisseur aber, ähnlich wie in "
Dune - Der Wüstenplanet 
", neuerlich ein Gefangener des Drehbuchs, wobei hier noch der Zeitdruck als negatives Element hinzukam. Einzig die Schauspielerriege, mit Nicolas Cage, Laura Dern und Diane Ladd allesamt Wunschdarsteller, erfüllt die Erwartungen.
Was übrigbleibt, ist eine in Gestalt eines Roadmovies feinfühlig erzählte, oft mit aberwitzigem Humor gefütterte Liebesgeschichte, die mit einzigartigen Film-Fragmenten glänzt, womit in diesem Fall die Teile größer sind als ihr Ganzes.