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Lichter
Original-Titel: Lichter
Land/Jahr: Deutschland / 2003
Genre: Drama
Mit: Ivan Shvedoff .... Kolya
Sergei Frolov .... Dimitri
Anna Yanovskaya .... Anna
Devid Striesow .... Ingo Mertens
Regie: Hans-Christian Schmid
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    Sozialdrama um die Grenzproblematik zwischen Polen und Deutschland.

    Eine Kritik von Iris Laner, 01.09.2003
 
Inhalt
 
 
Da ist ein Niemandsland. Irgendwo zwischen Träumen und Erwachen, zwischen wilden Phantasien, Hoffnung und Verzweiflung, zwischen West und Ost, Deutschland und Polen. Dieses Irgendwo, das sich gleichsam Nirgendwo nennen will, immer neben seiner örtlichen Manifestierung der ewige Nicht-, weil Durchzugsort bleibt, ist in diesem Fall die Oder, die die Grenze zieht zwischen dem polnischen Slubice und dem deutschen Frankfurt. Hier treffen sich verschiedenste Menschen auf ihren Reisen, denen allen eines gemeinsam ist: der Wunsch nach einem besseren Dasein. Dort ist es der von einem Kommunionskleid für die Tochter, hier der von der durchschlagenden Geschäftsidee. Episoden aus tristen Leben prallen scheinbar willkürlich aufeinander, stoßen sich ab und finden vielleicht nirgendwo wieder zueinander. Daneben steht der geprügelte Held und sieht der Fähre beim Übergang zum Glück zu. Leider wieder verpasst, denn Versuchen heißt noch lange nicht Erfolg haben, Träumen, wenn im schönen Gewand, dagegen immer gleich Aufwachen, mit solcher Wucht, dass es dem Geweckten schon mal übel werden kann. Wer nicht weiß, wie gut er es haben müsste, ist schon gesegnet mit Leid. Ebenso der, der weiß, wie gut es den andern gehen muss. So ziehen die Protagonisten allesamt von einer Schmach zur nächsten diesseits und jenseits des Flusses und kommen selten bis nie dort an, wo es genug Platz gibt für ihr Glück.
 
Kritik
 
 
Hans-Christian Schmid  präsentiert mit seinem nahezu dogmatischen Episodendebut eine Gesellschaftsstudie in klassisch pessimistischer Manier. Lachen, Freude und Zufriedenheit gehören nicht hierher und wenn, dann nur auf Seiten der bösen Intriganten. Der postneorealistische Versuch, einfachstes, unverschöntes Leben auf Zelluloid zu bannen, formal möglichst gefühlsecht zerrüttet mittels Handkamera und Jump-Cuts, endet immer weiter rollend auf einem endlosen Abstellgleis, das sich strudelnd ergießt auf Schienen der Verzweiflung. Bis auf eine einzige gibt es in Lichter keine Möglichkeit, das Licht des besseren Lebens auch nur berühren zu können. Allein Kolje, der ukrainische Flüchtling, der es als einziger bis zum leuchtenden Hoffnungspunkt Berlin geschafft hat, scheint angekommen zu sein und sich damit befreit zu haben aus dem ewigen Dazwischen. Nur seine Reise hat ein Ende. Doch ob das alleinige Dasein am Zielort dann ausreichen kann zur Fortführung seiner Hoffnung, diese Frage lässt Schmid nicht zu. Denn das psychologische Potential der Protagonisten hier ist so geschrumpft, dass jeder nur einen Wunsch frei hat, den er sich wünschen darf. Und der geht eben in Erfüllung oder nicht. Letzteres subsumiert sich nach Wahrscheinlichkeitsmethode zum Normalfall. Genauso wie sich diese Wahrscheinlichkeit immer wieder als Tatsache in den Vordergrund drängt, kehrt die ewig gleiche melodramatische Melodie von The Notwist in Grenzsituationen des Elends wieder und will wohl allen Schicksalen denselben musikalischen bittersüßen Beigeschmack geben. Hier begeht Schmid den dramatischen Bruch mit seinen vermeintlichen Filmvorbildern, den Dogmatikern. Denn wollen diese doch allein durch die authentische Kraft der bloßen Mimesis und des entkleideten narrativen Moments ein Gefühl der Beklemmnis erzeugen, drückt hier schweres, einfaches Geklimper mit Wiedererkennungswert in Richtung Tränendrüse. Doch sei es innerhalb oder außerhalb des Manifestes, zu einem gemeinsamen Konsens der Beobachtungen reicht es allemal: Scheitern heißt Leben und Leben Scheitern. Diese einfache Moral nimmt man ungern mit, weswegen Lichter auch als ganz unmoralisch angelegter Film daherkommt, indem er eben dogmatisch und damit versucht dokumentarisch arbeitet – Realismus auf Leinwand. Ein Blick auf die Welt ganz ohne Metaphern und Wortspiele, eben unverblümt unelegant. Trotzdem keine Alltagsstudie, kein banales Gesellschaft Spielen, kein einfallsloses drauf Hinhalten und Abwarten. Ganz im Gegenteil schenkt Schmid seinen Anti-Helden besondere Momente: wichtige, essentielle, teils gar existentielle Augenblicke, die sie miteinander teilen dürfen, sich gegenseitig zerstören können und die sie schließlich mit der finalen Schwarzblende begraben müssen, um in ihren vermutlich noch tristeren Alltag zurückzukehren, der hier glücklicherweise keine der Hauptrollen spielen muss. Dank seiner Absenz schenkt uns Lichter nämlich ein Gefühl von seltsam besonderen menschlichen Momenten, die nirgendwo liegen, so alle verbinden können und mit ihrem Verschwinden ebenso schnell wieder zu trennen im Stande sind, das Leben liegen lassen, wo es sich nicht befindet, trotzdem aber immer ist: in einem Fluss zwischen Gestern und Morgen, hier und dort, schlecht und schlechter. Alle sind sie Nomaden, Reisende, die ihren Wunschleben hinterher jagen und diese nie finden, weil die Orte hier so leer und verlassen bleiben wie ihre Bewohner selbst. Fazit: Wenn ein Erfolgsverwöhnter deutscher Filmemacher Dogma spielt, kann man so einiges erwarten. Nur kein Glück im Film.


Lichter

Wertung:
Redaktion: Redaktionswertung: 5/7
Leser: Durchschnittsleserwertung: 6

Schnellwertung:


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