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Trouble Every Day
Original-Titel: Trouble Every Day
Land/Jahr: Frankreich/Deutschland/Japan / 2001
Genre: Horror, Thriller
Mit: Vincent Gallo .... Shane
Regie: Claire Denis
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    Die französische Filmemacherin Claire Denis setzt mit ihrem Ausflug ins Horrorgenre ganz in der Tradition desselben stehend blutig sadistische Akzente und bleibt dabei trotzdem (oder gerade deswegen?) immer Realistin. Allerdings zeigt sich dieser Trip alles andere als in eben derselben Horrortradition verharrend oder etwa konventionell. Auf den Filmfestspielen in Cannes 2001 lief Trouble Every Day außer Konkurrenz und auch ansonsten scheint er sich gegen die manchmal sehr enge Breite des „Normalen“ durchzusetzen, indem er dies realistisch phantastisch und damit außergewöhnlich selbstreflexiv zum Thema macht.

    Eine Kritik von Iris Laner, 11.11.2003
 
Inhalt
 
 
Hochzeitsreise in Paris, der Stadt der Verliebten. Doch von leichtsinnig beflügeltem verliebt Sein steht hier bereits zu Anfang schon keine Spur mehr zur Witterung. Der Ernst der verlorenen Sorglosigkeit drückt die Rollläden des barocken Hotels weit nach unten und lässt es Nacht werden in der romantischen Metropole. Shane Vincent Gallo  und June Tricia Vessey wollen hier ihr heiliges Versprechen besiegeln, dem sie allerdings offenbar schon lange entwachsen sind, länger wahrscheinlich als dies überhaupt existieren und sich als solches etablieren konnte. Denn die Kluft, die sich zwischen ihnen immer weiter auftut, um dann am Ende mehr als provisorisch überbrückt zu werden (wir sprechen hier also nicht von standhaft entschlossenen Stahlbetonbrücken, aber von Hängebrücken aus allein temporär gefestigten Einsichtsfäden), lässt sich auf einem fundamentalen, in Junes Zeit zeitlosen Ausgangspunkt vermuten: Shane sieht sich gelegentlich gezwungen, im blutigen Schmerz seiner Umwelt zu baden, nachdem er früher gemeinsam mit seinem Freund Léo und dessen Frau (ungemein furchteinflößend Beatrice Dalle), die an einer offenbar recht ähnlichen, doch noch unkontrollierteren „Verhaltensstörung“ leidet wie Shane, in eine Arbeit zur experimentellen Erforschung bestimmter Gehirn- und Verhaltensmuster involviert war, worüber June allerdings wenn überhaupt nur zu unterdrückende Vermutungen anstellen kann. Synchron existiert zum vampiresken Adam sodann eine noch kannibalistischere Eva Beatrice Dalle, die hier schon nicht mehr von der Schlange, sondern vom damit zum aktiv göttlich erhobenen Mann zur Asche ihrer selbst transformiert wird, von Adam in persona Shane nämlich und hiermit eigentlich ihre Schuldigkeit getan haben sollte. Wenn die Schreckensrechnung des einen auf und gleichsam die einer anderen untergeht, bedeutet das aber hier noch lange kein Ende der Grausamkeiten. Denn Shanes Krankheit wirkt weiter und hebt ihn aus der Masse hervor als göttliches im Sinne von Lebensbestimmendes Monster des Alltags.
 
Kritik
 
 
Diese Geschichte ist bereits geschrieben, so scheint es zumindest, denn hier spielt sie als solche eigentlich nicht mehr die primäre Rolle im Erzählen. Vielmehr treibt dieser Film von nicht beantworteter Ergänzungsfrage zu bloß hingestellter Entscheidungsfrage – gleichsam dem fragmentiert betrachteten außerfilmischen banalen Alltag und seinem Leben selbst. Eine Antwort, wie sie die klassische Erzählung zu geben verwöhnt, wird immer nur angeschnitten, bleibt teils völlig aus. Allein erfährt der Zuseher, dass das auch gar nicht der Sinn seiner Geschichte sein muss, er bleibt in Momenten ohne den zwingenden Kausalmodus schwelgend. Denn die Geschichte geht über sich selbst hinaus, wie gesagt, wird Fragment und bleibt die Antwort in Form der Frage, immer schuldig unschuldig. Das Konstrukt Geschichte funktioniert in Folge wie das Leben selbst, das nicht erst in der Zukunft geschrieben werden muss und in der Vergangenheit aus Gedanken erwälzt wird, sondern immer selbst im Moment des Schreibens verfasst wird, also als permanent gegenwärtiges IST. Hineingeworfen in die grausam natürliche Situation des Teilhabens am Geschehen einer solch im extremen Moment „bloß seienden“ Geschichte wird der Zuseher, so wie der existentialistische Mensch einst in die Welt an sich. Dort findet er sich selbst vielleicht wieder als fähig zu seiner eigenen Gegenwart, aber erst dann, wenn er gleichsam fähig ist, sich seinen eigenen Reim aus den Dingen zu machen, sprich seine eigene Realität zu konstituieren aus der gegenwärtigen Parallelität der zahllosen fragmentarischen Einzelheiten, die ihn umgeben. Ob Denis’ Ausflug in die dunkelsten Facetten der nicht kausal analysierten, sondern bloß momentan plakatierten menschlichen Seele eine frei angelehnte existentialistische Metapher sein soll, sei dahingestellt. Wahrscheinlich ist aber allemal, dass das Funktionieren eines Filmes sehr nah an dem eines Lebens hängen kann, wie phantastisch und bizarr die Realität des Ersteren auch immer sein mag. Der Realismus im Phantastischen (sei es nun notiert mit Kannibalismus oder Vampirismus), wie ihn uns Denis hier so unbarmherzig entgegenstreckt, schlägt unvermittelt und hart ein, paradigmatisch, wie die Machart des Filmes selbst. Würde man sich von einem Horrorfilm in der thematischen Tradition von Bram Stoker erwarten, dass er sich irgendwo vom Alltag trennt und diesen für den nicht üblichen Schrecken aufgibt, sich unterdes zumal vielleicht kurz nach ihm umdreht, um ihn im Endeffekt wieder zurück zu gewinnen, ist Letzterer hier schon zum gegenwärtig mitschleichenden Programm geworden und zwar zum die abgeschirmte Normalität bestimmenden. Und genau diese Tatsache macht den ganz eigenen Schrecken dieses Filmes aus, seine hoch trabende, alles überblickende, sich selbst ins Angesicht blickende Grausamkeit. Natürlich könnte es an dieser Stelle ein Befriedigendes für den Zuseher sein, die Suche nach eben diesem völlig archaisch gebliebenen Schrecken (wir reden von kannibalistisch-vampiresken Szenarien, die im klassischen Kino zumeist gerade durch einen mythologischen Rahmen ihre Wirkung zugeschrieben bekommen. Anders dann nach Abnabelung vom als altertümlich erkannten Geschichtenerzählen in der Postmoderne, wo Fragmente des Mythischen von ihren Mitbedeutungsspendern abgetrennt und mitunter nahtlos eingereiht werden in eine gleichbedeutende Reihe mit beizeiten futuristischen Prognosen und sich in einer vielleicht manchmal fremdartig postmodernen Collage ihrer Ambivalenz wegen ineinander fügen. Irgendwo dazwischen steht dann Claire Denis, die sich glücklicherweise wohl keiner der beiden Seiten völlig verschreiben wollte.) aufzulösen, doch genau das unterlässt Denis und regt derart zu einer lebhaften Diskussion über (wieder im weitesten Sinne) die Sinnhaftigkeit des Mord- und Todschlags an. Summa summarum präsentiert sich „Trouble Every Day“, wie schon der Titel suggeriert, so als Anti-Versuch einer psychologisch fundierten Darstellung (ob in der Gestalt eines eben solchen Anti-(Gegen-)Versuchs oder im klaren Versuch einer Anti-(nämlich Gegen-)Darstellung), der beschreibt, wie das Leben als beschnittene Etappe wohl so spielen könnte, wenn sich der ein oder andere Vampir unter uns befände, der (ungewollterweise) auf Schreckenserhebung programmiert (worden) ist so wie wir alle ein zumal sehr neurotisches Programm in uns entdecken müssen, das uns unsere Warum? und Wie? Fragen unter keinen Umständen beantworten will. Der ganz alltägliche Ärger eben.


Trouble Every Day
Nein, das ist nicht etwa eine orgastische Nitsch Performance.

Wertung:
Redaktion: Redaktionswertung: 5/7
Leser: Durchschnittsleserwertung: 3.4117647058824

Schnellwertung:


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