Diese Geschichte ist bereits geschrieben, so scheint es zumindest, denn hier spielt sie als solche eigentlich nicht mehr die primäre Rolle im Erzählen. Vielmehr treibt dieser Film von nicht beantworteter Ergänzungsfrage zu bloß hingestellter Entscheidungsfrage – gleichsam dem fragmentiert betrachteten außerfilmischen banalen Alltag und seinem Leben selbst. Eine Antwort, wie sie die klassische Erzählung zu geben verwöhnt, wird immer nur angeschnitten, bleibt teils völlig aus. Allein erfährt der Zuseher, dass das auch gar nicht der Sinn seiner Geschichte sein muss, er bleibt in Momenten ohne den zwingenden Kausalmodus schwelgend. Denn die Geschichte geht über sich selbst hinaus, wie gesagt, wird Fragment und bleibt die Antwort in Form der Frage, immer schuldig unschuldig. Das Konstrukt Geschichte funktioniert in Folge wie das Leben selbst, das nicht erst in der Zukunft geschrieben werden muss und in der Vergangenheit aus Gedanken erwälzt wird, sondern immer selbst im Moment des Schreibens verfasst wird, also als permanent gegenwärtiges IST. Hineingeworfen in die grausam natürliche Situation des Teilhabens am Geschehen einer solch im extremen Moment „bloß seienden“ Geschichte wird der Zuseher, so wie der existentialistische Mensch einst in die Welt an sich. Dort findet er sich selbst vielleicht wieder als fähig zu seiner eigenen Gegenwart, aber erst dann, wenn er gleichsam fähig ist, sich seinen eigenen Reim aus den Dingen zu machen, sprich seine eigene Realität zu konstituieren aus der gegenwärtigen Parallelität der zahllosen fragmentarischen Einzelheiten, die ihn umgeben. Ob Denis’ Ausflug in die dunkelsten Facetten der nicht kausal analysierten, sondern bloß momentan plakatierten menschlichen Seele eine frei angelehnte existentialistische Metapher sein soll, sei dahingestellt. Wahrscheinlich ist aber allemal, dass das Funktionieren eines Filmes sehr nah an dem eines Lebens hängen kann, wie phantastisch und bizarr die Realität des Ersteren auch immer sein mag. Der Realismus im Phantastischen (sei es nun notiert mit Kannibalismus oder Vampirismus), wie ihn uns Denis hier so unbarmherzig entgegenstreckt, schlägt unvermittelt und hart ein, paradigmatisch, wie die Machart des Filmes selbst. Würde man sich von einem Horrorfilm in der thematischen Tradition von Bram Stoker erwarten, dass er sich irgendwo vom Alltag trennt und diesen für den nicht üblichen Schrecken aufgibt, sich unterdes zumal vielleicht kurz nach ihm umdreht, um ihn im Endeffekt wieder zurück zu gewinnen, ist Letzterer hier schon zum gegenwärtig mitschleichenden Programm geworden und zwar zum die abgeschirmte Normalität bestimmenden. Und genau diese Tatsache macht den ganz eigenen Schrecken dieses Filmes aus, seine hoch trabende, alles überblickende, sich selbst ins Angesicht blickende Grausamkeit. Natürlich könnte es an dieser Stelle ein Befriedigendes für den Zuseher sein, die Suche nach eben diesem völlig archaisch gebliebenen Schrecken (wir reden von kannibalistisch-vampiresken Szenarien, die im klassischen Kino zumeist gerade durch einen mythologischen Rahmen ihre Wirkung zugeschrieben bekommen. Anders dann nach Abnabelung vom als altertümlich erkannten Geschichtenerzählen in der Postmoderne, wo Fragmente des Mythischen von ihren Mitbedeutungsspendern abgetrennt und mitunter nahtlos eingereiht werden in eine gleichbedeutende Reihe mit beizeiten futuristischen Prognosen und sich in einer vielleicht manchmal fremdartig postmodernen Collage ihrer Ambivalenz wegen ineinander fügen. Irgendwo dazwischen steht dann Claire Denis, die sich glücklicherweise wohl keiner der beiden Seiten völlig verschreiben wollte.) aufzulösen, doch genau das unterlässt Denis und regt derart zu einer lebhaften Diskussion über (wieder im weitesten Sinne) die Sinnhaftigkeit des Mord- und Todschlags an. Summa summarum präsentiert sich „Trouble Every Day“, wie schon der Titel suggeriert, so als Anti-Versuch einer psychologisch fundierten Darstellung (ob in der Gestalt eines eben solchen Anti-(Gegen-)Versuchs oder im klaren Versuch einer Anti-(nämlich Gegen-)Darstellung), der beschreibt, wie das Leben als beschnittene Etappe wohl so spielen könnte, wenn sich der ein oder andere Vampir unter uns befände, der (ungewollterweise) auf Schreckenserhebung programmiert (worden) ist so wie wir alle ein zumal sehr neurotisches Programm in uns entdecken müssen, das uns unsere Warum? und Wie? Fragen unter keinen Umständen beantworten will. Der ganz alltägliche Ärger eben. |